This post is also available in: Englisch

Ich habe ja eigentlich vor nicht wirklich viel Angst und melde mich gerne mal als Erste wenn es etwas Verrücktes zum ausprobieren gibt. Ausnahmen davon sind Spinnen, Gespräche am Telefon, Clowns und Wasser. Ein kühles Getränk oder eine Badewanne lösen bei mir noch nicht Herzrasen und Schweissausbrüche aus, aber offenes Wasser, reissende Flüsse, die Tiefen des Ozeans und Wasser im Mund, der Nase und der Lunge kann ich einfach nicht ausstehen.

Wieso habe ich also alle Warnungen seitens meines auf Alarmstufe rot blinkenden Hirnes in den Wind geschlagen und mich trotzdem zum White Water Rafting angemeldet? Man weiss es nicht. Es waren wohl die üblichen Überlegungen in die Richtung von Ängste muss man halt überwinden oder das wird sicher ein tolles Erlebnis und gestorben ist ja seit 2008 niemand mehr.

 gorge

Abholzeit im Hotel ist um 7 Uhr in der Früh. Es ist Ende Juni und somit Winter in Victoria Falls, Simbabwe. Die Luft ist noch eiskalt und ich trage kompakte Sandalen und kurze Hosen mit Bikini. Hier schonmal ein Tipp vorneweg: Tragt trotz Kälte keine schweren Schuhe, denn wenn ihr über Bord geht – und das werdet ihr – saugen sich die Dinger mit Wasser voll und ziehen euch nur in die Tiefe. Schlotternd wird unsere kleine Gruppe also auf einen Truck verladen und über holprige Feldwege zum Rand der Schlucht gefahren. Hier wird zunächst mal die Ausrüstung (Helm, Wetsuit, Schwimmweste und Paddel) verteilt und es werden die Sicherheitsvorkehrungen erklärt.

Unsere Guides sind sehr kompetent und scheinen viel Erfahrung zu haben. Sie führen uns zunächst mal durch verschiedene Szenarien: Wenn man ins Wasser fällt, dann hält man die Füsse oben, sodass die Beine nicht zwischen Felsen eingeklemmt werden können. Die Gruppe lächelt immer noch tapfer, aber etwas gezwungen weiter. Krokodile hat es zwar, aber die sind klein und kümmern sich theoretisch nicht um wild umherfuchtelnde Touristen.

Langsam sieht man die Angst in den Augen mancher Teilnehmer. Wenn man über Bord geht und unters Boot gerät, einfach ruhig bleiben, denn es sollte noch etwas Luft vorhanden sein und man muss einfach in eine Richtung rausschwimmen. Das pure Entsetzen hat nun definitiv alle Gesichter erreicht. Und das Wichtigste, sagt unser Guide mit einem Lachen, ist nicht in Panik zu geraten! Leichter gesagt als getan, denn bereits jetzt klammern sich alle mit verkrampften Händen und weissen Knöcheln an ihren Paddels fest.

rafting1

Der Abstieg in die Schlucht dauert eine gute Viertelstunde und durch die kleine Wanderung lockert sich die angespannte Atmosphäre wieder ein wenig auf, denn die Natur ist unglaublich beeindruckend. Der Zambezi Fluss windet sich tief in einer felsigen Schlucht und trennt Simbabwe von Sambia. Faszinierende Steinformationen und die üppige Vegetation ziehen mich regelrecht in ihren Bann und für einige Momente vergesse ich, was mir noch bevorsteht. Unten angekommen lernen wir noch schnell wie man paddelt, auf welche Befehle man hören muss und wie man jemanden aus dem Wasser rettet und dann werden die Schwimmwesten bis zum absoluten geht-nicht-mehr angezogen und es geht los.

rafting5

Hier noch einige Infos für die Rafting-Anfänger: Die Stromschnellen werden in sechs verschiedene Kategorien eingeteilt. Die Kategorie sechs gilt als unmöglich. Die fünfte Stufe wird von Leuten, die noch alle Tassen im Schrank haben, gerade noch als knapp machbar eingestuft. Diese Stufe gilt als extrem schwierig und ist geprägt von langen, sehr heftigen Stromschnelle. Rettungsbedinungen sind erschwert und es besteht eine signifikante Gefahr für das Leben im Falle einer Panne. Es ist die obere Grenze dessen, was auf einem kommerziellen Boot möglich ist.

Und jetzt ratet mal, was es auf der besagten Strecke auf dem Zambezi hauptsächlich hat? Genau, natürlich Stromschnellen der Kategorie 5, eine nach der anderen.

Die Stromschnellen haben so phantasievolle und angstbeschwörende Namen wie „Stairway to Heaven“ (Treppe zum Himmel), „Washing Machine“ (Waschmaschine), „Devils Toilet Bowl“ (Kloschüssel des Teufels) und „Gnashing Jaws of Death“ (Knirschende Kiefer des Todes), die jeweils kurz vorher von einem grinsenden Guide angekündigt werden, um uns jeweils in Angst und Schrecken versetzen.

Erwischt hat uns schlussendlich der „Terminator“, eine wild schäumende weisse Wand des Entsetzens. Die zwei vordersten Paddler werden von Bord gespühlt und beim Versuch die Beiden zu retten, erwischt uns eine grosse Welle und kippt das gesamte Boot um.

rafting3

Es ist dunkel, laut und überall ist Wasser, dass mich in alle Richtungen wirft. Sobald ich untergetaucht bin, sind alle Sicherheitsinstruktionen und Tipps wie weggewischt und das Hirn schaltet auf Überlebensmodus. Als ich die Riesenwelle im Zeitraffer auf mich zukommen sehe, denke ich nur noch das ist er jetzt also, der Moment meines Todes, dann gehe auch ich über Bord und es übernehmen meine Urinstinkte. Die Schwimmweste weiss zum Glück noch was sie tun muss und treibt mich immer wieder nach oben. Mein Magen ist voller Wasser und für die wenigen Sekunden bevor eine erneute Welle über mir zusammenbricht, schaffe ich es jeweils wieder gequält etwas Luft zu schnappen. Es taucht plötzlich eine Hand vor mir auf und irgendwie kann ich sie ergreifen. Ich werde zum Boot zurückgezogen, welches nun verkehrt und wie wild hin und herschaukelt, aber sich daran festzuhalten ist praktisch unmöglich. Immer wieder drohen mich starke Wellen wegzureissen und unter Wasser zu drücken.

Ich weiss nicht mehr wie lange wir im Wasser waren – die Zeit scheint sich in solchen Situationen zu verlangsamen – aber irgendwie schaffen wir es wieder in ruhigere Gewässer zu gelangen. Ich schaue in Gesichter, die dem Tod ins Auge geblickt haben und entkommen sind. Zu diesem Zeitpunkt scheint nur noch unser Guide wirklich Spass zu haben, der emotionale Zustand der Rest der Gruppe reicht von leichter Panik bis zur kompletten Hyperventilation.

Den Rest der Fahrt bin ich damit beschäftigt sowohl zu den alten, als auch den neuen Göttern zu beten, eigentlich zu jedem Wesen das mich hören will, dass das Boot nicht noch einmal kippt. Das tut es zum Glück nicht mehr und als wir die Ausstiegsstelle erreichen, ist die Erleichterung in der Luft förmlich zu spüren. Alle sind froh wieder festen Boden unter des Füssen zu haben. Jetzt müssen wir nur noch die hohe Schlucht wieder hinaufwandern, kein leichtes Unterfangen mit dem halben Fluss im Magen. Während ich meinen geschwächten Körper den Hang hinaufschleppe, muss ich beinahe erbrechen und als ich mich eine halbe Stunde später komplett erschöpft in den Schatten eines kleines Baumes fallen lasse, gelobe ich mir, so etwas Dummes nie wieder zu tun. Aber scheisse, geil wars.

Über den Autor

Tiffany is a Swiss travel writer, digital nomad, and photographer, who, after a fateful journey through Africa, has decided to get her passport renewed, sell all her junk, and live out of a suitcase in various corners of the world, as well as share the experiences with other travel enthusiasts. This blog is intended to inspire you to pack your bags, leave everything behind for a while, and make you go discover the world. Check her out on .

2 Responses

  1. WILLI

    “Ängste muss man halt überwinden oder das wird sicher ein tolles Erlebnis und gestorben ist ja seit 2008 niemand mehr.”
    Hahaa – auch in Afrika werden Märchen erzählt, ja ich möchte sagen, dort besonders. Ich war 2009 in Vic Falls und da wurde ein Ami vermisst, ein 120-kg-Brocken, dem das Wasser die life west herunter gerissen hatte. Diese wurde später gefunden, der Ami nicht. Aber Crocs lassen ja selten etwas “liegen”.
    Du machst das gut mit deinem Blog, deinen Reisen, deiner Philosophie. Der/die eine oder andere könnte von dir was lernen. Weiterhin viel Spass.
    WILLI

    Reply
    • Tiffany

      Danke für das viele Lob Willi, freut mich, dass dir der Blog gefällt! Uns hat man nach dem Raften erzählt, dass der letzte Todesfall eine Touristin war, die ebenfalls ihre Schwimmweste verloren hatte. Angeblich weil sie den Anweisungen des Guides nicht folgte und die eng anliegende Weste auf eigene Faust lockerte. Ich bin auf jeden Fall froh, dass ich das Ganze einigermassen heil überstanden habe und nicht als Krokodilfutter endete – war auf jeden Fall nicht ganz ungefährlich.

      Reply

Hinterlasse eine Antwort

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.

CommentLuv badge