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Nach einer holprigen, oft nervenaufreibenden Fahrt vom chaotischen Guilin durch die engen Windungen und Wendungen von Guangxi’s Landstrassen, erreichen wir Dazhai kurz nach Mittag. Die Frauen der örtlichen Yao Minderheit drängen sich mit ihren robusten Körben auf dem Rücken sofort um das Fahrzeug um sicherzustellen, dass niemand den Bus verlässt, ohne zuerst ihr Verkaufsargument gehört zu haben. Sie tragen schwere, silberne Ohrringe und haben ihr berühmtes, knielanges Haar in einer komplizierten Turbanfrisur um den Kopf gewickelt, halb bedeckt von einem einfachen, tiefschwarzen Tuch. Ist die Frau noch zu haben, ist ihr komplettes Haar bedeckt, ist sie verheiratet, schaut ein grosser Dutt oben heraus.

Die Kleider sind historisch und mit langjährigen Traditionen verbunden. Die Tracht beinhaltet einen knielangen, dunklen Faltenrock und ein Oberteil, welches einem Quilt gleicht, zusammengenäht aus verschiedenen schwarzen und pinken Stoffstücken. Einige Frauen peppen das Outfit mit Leggings, bunten Schuhen, einer Schärpe um die Taille oder anderen Accessoires auf, andere wiederum tragen eine schlichtere Tracht. Die Gesichter der Yao Frauen sind fröhlich, während sie sich um den Bus drängen und Reisende fragen, ob diese ein Gepäckstück auf den Berg transportieren lassen wollen. Obwohl das Angebot verlockend und die Preise günstig sind, lehne ich dankend ab – ich habe nur einen Tagesrucksack mit Kamera und ein paar Kleider zum wechseln dabei. Ich staune, dass die Frauen ihre Trägerdienste nicht allzu aufdringlich anbieten , denn wäre ich in Südostasien, würde ich den halben Weg den Berg hoch nonstop mit einem Ansturm aus Verkaufstaktiken belästigt werden.

Longji Rice Terraces near Guilin, China

Longji Rice Terraces near Guilin, China

Ich breche jedoch in Frieden auf und nur ab und zu zeigt eine Yao Frau auf ihren geflochtenen Korb und nickt in Richtung meines Rucksacks. Jedes Mal wenn ich ablehne, machen sich die Frauen mit einem Lachen wieder auf den Weg, während ich mich weiterhin keuchend und schwitzend die Hänge hocharbeite, sich die Riemen meines Rucksacks immer tiefer in meine Schultern pressen und ich es langsam doch bereue, keine Trägerin angeheuert zu haben.

Es ist ein nasser Nachmittag. Nebel hängt schwer in der Luft und vermischt sich mit dem Schweiss auf meiner Haut. Ich kann kaum weiter sehen als die paar Meter Weg vor mir und die berühmten Reisterrassen verstecken sich immer noch hinter einer dicken, unnachgiebigen Wand aus weiss. Dazhai, das Dörfchen ganz unten im Tal, ebenso wie alle anderen Siedlungen der Umgebung scheinen, als wären sie aus einer längst vergangenen Zeit gepflückt und ins moderne China transportiert worden. Weit weg von Luftverschmutzung, Lärm, Verkehr und Menschenmassen steht hier die Zeit still. Die grossen Holzhäuser drängen sich in kleinen Gruppen auf den Hügeln, dicht gestapelt und so nah aneinander wie nur möglich. Die Wege, die durch die Dörfer führen sind entsprechend schmal und gewunden, meist sind sie nur kleine Feldwege aus Schlamm, rutschigen Steinplatten oder klapprigen Treppen. Yao Frauen füttern Enten in Innenhöfen und zottelige Hunde dösen ruhig vor den Türen, die sie bewachen. In der Ferne sehe ich eine Gondelbahn und obwohl sie in Betrieb ist, wird sie von niemandem benutzt. Irgendwie scheint es unangebracht, dass die Bahn überhaupt existiert, ist sie doch der einzige Hinweis, dass ich mich im 21 Jahrhundert und nicht vor 500 Jahren in der Ming Dynastie befinde.

Longji Rice Terraces near Guilin, China

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Mein Ziel ist ein Dorf namens Tiantou, etwa 40 Minuten Fussmarsch von Dazhai entfernt. Ein paar Herbergen und Hostels bieten hier eine Unterkunft für die Nacht an und da ich gehört habe, dass ein Besuch der Longji Reisterrassen ohne Sonnenaufgang nicht komplett ist, habe ich beschlossen einige Nächte im Dragon’s Den Hostel zu buchen. Nun bin ich froh, etwas mehr Zeit in den Reisterrassen zur Verfügung zu haben, hängt doch der Nebel so stark wie zuvor an den Hängen und macht keine Anstalten, sich zu verflüchtigen

Der nächste Tag bricht ebenso neblig an wie der letzte, aber da mich der Wecker und aufgeregte Stimmen bereits vom warmen Bett auf den kalten Holzboden gezerrt haben, beschliesse ich die Kamera zu packen und mich auf den Weg zu einem Aussichtspunkt weitere 30 Minuten den Berg rauf zu machen. Ich hoffe, dass die steigenden Temperaturen und der Sonnenaufgang dem Nebel bald den Gar aus machen würden. Die Teigtaschen der letzten Mahlzeit sitzen jedoch schwer im Magen und ich unterdrücke den Drang zu erbrechen. Ich habe so meine Probleme mit frühem aufstehen, was sich oft in Übelkeit äussert und anstrengende, frühmorgendliche Wanderungen helfen da meistens nicht sonderlich.

Longji Rice Terraces near Guilin, China

Am Aussichtspunkt angekommen klammere ich mich an mein Stativ und starre in den Nebel. Ich bin kurz davor aufzugeben, wieder ins Bett zu fallen und den Tag zu einem Reinfall zu erklären, als sich etwas in der Luft verändert. Es ist immer noch ziemlich dunkel, der Nebel umringt mich feucht und schwer, aber ich spüre eine Brise. Eine leichte Bewegung in der Luft, die andeutet, dass sich etwas tut. Die Nebelschwaden steigen höher und bilden eine dicke Schicht unter und über mir, mit mir und meinem Stativ in der Mitte. Und endlich sehe ich den Dragon’s Backbone, den Drachenrücken mit seinen tausend glitzernden Schuppen im Morgenlicht. Die Reisterassen von Longji bedecken die Hügel und Hänge in komplizierten Mustern, Wirbeln, Kreisen und Wellen. Es ist, als würde man auf ein Gemälde blicken, mit derart satten Grüntönen, dass sie unnatürlich erscheinen, einem Durcheinander von Holzhäusern in der Ferne und den Nebelschwaden, die ihre Tentakel wieder suchend ausstreckten. Bald schon ist die Welt wieder weiss, aber ich bin glücklich, dass ich einen Einblick in eine derart beeindruckende Landschaft erhalten durfte und stolpere zurück in Richtung Tiantou für mein Rendevouz mit der Toilette.

Longji Rice Terraces near Guilin, China

Über den Autor

Tiffany is a Swiss travel writer, digital nomad, and photographer, who, after a fateful journey through Africa, has decided to get her passport renewed, sell all her junk, and live out of a suitcase in various corners of the world, as well as share the experiences with other travel enthusiasts. This blog is intended to inspire you to pack your bags, leave everything behind for a while, and make you go discover the world. Check her out on .

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