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progression of day and night

Fotografie ist die Erfassung des Lichts. Zu wissen, wann das Licht am schönsten ist, ist dementsprechend eine der wichtigsten Fähigkeiten, die ein Fotograf haben kann. Lichtverhältnisse machen ganz einfach den Unterschied zwischen einem öden und einem genialen Foto und vor allem wenn es um Landschaftsaufnahmen geht, sollte man daher immer während der richtigen Tageszeit fotografieren. Die Morgensonne kurz nach Sonnenaufgang ist weich, das Licht in der Mitte des Tages entspricht brennenden Laserstrahlen aus dem Himmel, die Golden Hour ist weich, perfekt und eben goldig und die Blue Hour, die blaue Stunde, lässt den Himmel in Farben aufleuchten.

Dies bedeutet, dass du dich während eines Grossteils des Tages auf der Couch zurücklehnen kannst (oder eben tun kannst was sonst noch so an Arbeiten anfällt) – was du aber auf keinen Fall machen solltest, ist raus zu gehen und Landschaftsaufnahmen im rauen Mittagslicht zu schiessen. Bleib daheim, trink ein Bier und warte ab.

Wie man aus einem langweiligen Foto ein spektakuläres Foto macht: Ein Beispiel vom Mondsichelsee in Dunhuang, China. 

Vor kurzem habe ich Dunhuang in China‘s Gansu Provinz besucht. Dunhuang ist eine kleine Stadt und würde wohl von einem Durchschnittsreisenden als ziemlich abgelegen bezeichnet werden. Die Kleinstadt hat aber einige unglaublich tolle Foto-Spots zu bieten und die lange Reise in diese nordwestliche Ecke China’s ist die Mühe absolut wert. In der Nähe von Dunhuang findet man nämlich auch Ausläufer der Gobi Wüste und versteckt hinter den Dünen liegt eine kleine Oase mit Tempelanlage und Pagode namens Mondsichelsee. Der Mondsichelsee ist bereits über 2000 Jahre alt und wurde von der Natur zu einem perfekten Halbmond geformt. Doch aufgrund der voranschreitenden Ausbreitung der Wüste war diese Kuriosität der Natur noch vor kurzem davon bedroht, für immer unter den Dünen zu verschwinden – bis die chinesische Regierung einschritt und den schönen See durch die Auffrischung der unterirdischen Frischwasserquelle rettete.

Es gibt eine ganze Menge zu tun in dieser Wüste; man kann Kamele reiten, ATV’s fahren, wandern, die Dünen runter rutschen oder einfach nur die atemberaubende Landschaft bestaunen. Da ich einen Grossteil des Tages mit Spielen im Sand verbracht habe, hatte ich auch mehr als genug Zeit, die sich verändernden Lichtverhältnisse über den ganzen Tag hinweg zu beobachten.

the different twilights - nautical twilight, civil twilight and astronomical twilight

Die Grundlagen kennen: Golden Hour, Sonnenaufgang, Sonnenuntergang, Blue Hour

Der erste Schritt zu tollen Landschaftsfotos ist zu wissen, wann denn eigentlich der Sonnenuntergang ist. Alternativ, und wenn man im Gegensatz zu mir ein Morgenmensch ist, funktioniert natürlich der Sonnenaufgang genau gleich. Natürlich wird dann aber im Falle des Sonnenaufgangs der Verlauf des Lichts umgekehrt sein, mit der Blue Hour zuerst und der goldenen Stunde nach Sonnenaufgang.

Natürlich dauern die Golden und Blue “Hours” in der Regel auch nicht exakt eine Stunde. Deren Dauer hängt davon ab, wo in der Welt man sich befindet. Manchmal gibt’s nur eine blaue Minute, während in den extrem nördlichen und südlichen Breiten die blaue Farbe stundenlang andauern kann. Die Lichtverhältnisse hängen schlussendlich auch noch von der Höhe über Meer, den Wetterbedingungen und den Partikeln in der Luft ab. Keine zwei Himmel sind gleich und oft ist auch viel Glück mit im Spiel, welches entscheidet, ob man in den Genuss dieses perfekten Himmels mit den bunten Wolkenformationen kommt.

Als Blue Hour – oder eben blaue Stunde – bezeichnet man die Zeit zwischen Sonnenuntergang/Sonnenaufgang und pechschwarzer Nacht. Es gibt sogar verschiedene Grade der Dämmerung innerhalb des Begriffs Blue Hour, je nach dem wie viel Grad unter dem Horizont sich die Sonne befindet. Während der bürgerlichen Dämmerung (civil twilight) befindet sich die Sonne zwischen 0° und 6° unter dem Horizont und es ist immer noch genug Licht vorhanden, um Details in der Landschaft erkennen zu können. Viele Fotografen bevorzugen jedoch die nautische Dämmerung (nautical twilight) – die  Zeit wenn sich die Sonne zwischen 6° und 12° unter dem Horizont befindet und der Himmel einen satten, tiefen Blauton angenommen hat und bereits einige Sterne zu sehen sind. Die nautische Dämmerung ist vor allem für Cityscapes, also Stadtlandschaften und künstlich beleuchtete Architektur geeignet. Was übrig bleibt ist die astronomische Dämmerung (astronomical twilight), wo sich die Sonne zwischen 12° und 18° unter dem Horizont befindet und der Himmel praktisch schwarz ist. Nebel und Galaxien sind jedoch im Gegensatz zur Nacht während der astrologischen Dämmerung noch nicht zu sehen.

Landschaften fotografiert man am besten während der Golden Hour sowie während der frühen bürgerlichen Dämmerung. Danach wird es ohne künstliche Beleuchtung bereits zu dunkel und die Umgebung wird in dunkle Schatten gestürzt.

Sonnenuntergang in Dunhuang Anfang Juli war um 21:15 Uhr, was bedeutete, dass ich rund eine Stunde vorher, sowie für rund 10 Minuten nach Sonnenuntergang anständiges Licht erwarten konnte.

Da ich aber dieses Tutorial geplant hatte, musste ich bereits am frühen Nachmittag in die Wüste und nahm dort nach meiner Ankunft auch sogleich das erste Foto auf:

 14 Uhr: Igitt

Crescent Lake in Dunhuang, China travel photography

Canon 700D, ISO 100, 18mm, 1/400 Sekunden und f/11

Fotos, die in der Mitte des Tages aufgenommen werden, sehen hauptsächlich so aus: farblos, meist mit einem zu hellen Himmel und wenn der Himmel auch noch wolkenlos ist und die Sonne scheint, wortwörtlich überschattet von harten Schatten und Kontrasten. Kurz und knapp: also ziemlich scheisse. Wer es also mit der Fotografie ernst meint und den wunderschönen Landschaften auch gerecht werden will, sollte während des Tages einfach was anderes tun – Nickerchen machen, Fotos bearbeiten, oder Locations für später auskundschaften – aber auf keinen Fall den Auslöser drücken.

Ich persönlich habe die darauffolgenden ca. 6 Stunden damit verbracht die Dünen hoch zu wandern, den Himmel zu beobachten und auf die goldene Stunde zu warten.

20:42 Uhr: Jackpot Nr.1!

Crescent Lake in Dunhuang, China travel photography

Canon 700D, ISO 100, 21mm, 1/13 Sekunden und f/16

In diesem Foto war die Sonne gerade dabei, hinter den Dünen unterzugehen. Der tatsächliche Sonnenuntergang – das ist wenn die Sonne hinter dem eigentlichen Horizont verschwindet – war jedoch noch einige Minuten entfernt. Du kannst auf dem Foto sehen, dass die Sonne ein wenig rechts vom Mondsichelsee untergegangen ist. Wäre die Sonne hinter meinem Rücken untergegangen, hätte ich früher hätte loslegen können, in diesem Fall musste ich jedoch mit fotografieren warten, bis die Sonne den Horizont der Düne berührte. Je tiefer der Feuerball ist, desto weniger gleissend ist er und desto mehr Farbe ist im Himmel zu sehen. Wenn die Sonne den Horizont berührt, kann man dann auch toll mit der Blendenöffnung spielen und so eine sternenförmige Sonne kreieren, sowie mit Lichteffekten spielen.

Siehst du wie die letzten Sonnenstrahlen die Oase in dieses unglaublich weiche Licht tauchen? Die Dünen sehen richtiggehend glatt und cremig aus. Es ist genau dieser Zeitpunkt, während dem du Landschaften fotografieren solltest.

Ich habe öfters auch mal reingezoomt und die Details fotografiert:

Crescent Lake in Dunhuang, China travel photography

Canon 700D, ISO 100, 55mm, 1/30 Sekunden und f/9

20:55 Uhr: Warten auf einen dunkleren Himmel

Crescent Lake in Dunhuang, China travel photography

Nachdem die Sonne hinter den Dünen verschwunden ist, war der Himmel jedoch immer noch zu hell und die Wolken noch ziemlich farblos.

Ich musste also noch etwas länger warten.

21:08 Uhr: Jackpot Nr.2!

Crescent Lake in Dunhuang, China travel photography

Canon 700D, ISO 100, 18mm, 0.6 Sekunden und f/11

Nur einige Minuten später, etwa zur Zeit des wahren Sonnenuntergangs, leuchtete der Himmel plötzlich in lebendigen Gelb-, Orange- und Rottönen auf. Es fiel ausserdem immer noch genügend Licht auf die Dünen und die Pagode, um noch die nötigen Details in der Landschaft hervorzuheben und dem Sand diesen weichen, rosigen Schimmer zu verpassen.

21:17 Uhr: Und weg isses…

Crescent Lake in Dunhuang, China travel photography

Canon 700D, ISO 100, 27mm, 0.6 Sekunden und f/11

Schon während der frühen bürgerlichen Dämmerung war die Farbe in den Wolken und das weiche Licht bereits fast komplett verschwunden und die Dünen nahmen nun diese mattgraue Farbe an. Ohne künstliches Licht oder Sonnenlicht verdunkelte sich die Landschaft schnell und sah flacher und weniger dynamisch aus. Ab diesem Zeitpunkt verwandelte sich der Himmel in ein sattes, dunkles Blau, was, wie schon gesagt, für beleuchtete Architektur und Stadtfotografie ideal wäre. Da aber der Mondsichelsee und die Pagode nicht beleuchtete werden, war es ab diesem Zeitpunkt für mich zu dunkel und ich war fertig mit fotografieren.

Wie du sehen kannst ist der Kontrast zwischen den Tagesfotos und denjenigen Aufnahmen, die während der Golden Hour und Blue Hour gemacht wurden extrem. And this is how you take your landscape photos…

take your photography from boring to awesome




11 Responses

  1. Andreas

    Die Theorie, dass Morgens und Abends das beste Licht zum fotografieren herrscht hat sicher jede/r irgendwie im Hinterkopf und selbst erlebt. Aber selten bekommt man im Netz so tolle Anschauungsbeispiele serviert! Danke dafür! 😉

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    • Tiffany

      Vielen Dank für das tolle Feedback Andreas, da bin ich froh, dass ich helfen konnte. Du hast natürlich recht, oftmals findet man nur abstrakte Beschreibungen oder hat noch irgendwie so was im Hinterkopf – ich bin aber selber ein visueller Mensch und finde, dass das mit Bildern noch etwas anschaulicher dargestellt werden kann. 🙂

      Reply
      • Andreas

        Der Spagat zwischen Theorie und handhabbarer Anschaulichkeit gelingt halt nicht jedem/jeder.
        In diesem Fall: Wenn einem so ein tolles Tal zwischen den Wü(e)stendünen zu Füßen liegt, dann gehört das Warten auf die Veränderung zum Genuss dazu!

  2. Carina

    Tiffany! Was für ein Augen öffnender Beitrag!
    Andreas hat das sehr gut beschrieben – selten so einen gelungenen und anschaulichen Beitrag zum Thema Licht gelesen – hervorragend, einen großen Dank Dir!
    Mehr Tutorials, pleeeeeeaaaaasee!! 🙂

    Reply
    • Tiffany

      Vielen, vielen Dank für den lieben Kommentar. Dank all den tollen Ermutigungen werde ich mich dann bald noch an einige weitere Tutorials setzen 😉

      Reply
  3. Anna

    Tolles Beispiel. Die Theorie: schon tausendmal gelesen, immer wieder vergessen, nicht ganz für voll genommen. Aber die Bilder überzeugen. Vielen Dank für dieses eindrucksvolle Tutorial! Du hast auf jeden Fall gerade eine neue Leserin gewonnen 🙂

    Liebe Grüße
    Anna

    Reply
    • Tiffany

      Vielen Dank für den tollen Kommentar Anna, das freut mich natürlich sehr, dass ich eine neue Leserin gewonnen habe 🙂 happy travels!

      Reply
    • Tiffany

      Vielen, vielen Dank! Das letzte Tutorial ist auch schon eine Weile her, und du motivierst mich gerade bald was neues vorzubereiten 🙂

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