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Wenn es um die Fotografie geht ist es nicht nur wichtig zu wissen, was man denn fotografieren soll, sondern eben auch wie. Es gibt eine Reihe von etablierten Regeln, die wenn angewandt, bei der Komposition des perfekten Bildes unglaublich helfen können und die in der Lage sind, ein Foto spannender und harmonischer zu gestalten. Diese Regeln gibt es schon seit der Antike und sie werden nicht nur aktiv in der Fotografie angewandt, sondern auch rege in anderen Formen der Kunst wie der Malerei oder dem Design benutzt. Tatsache ist, dass eine gute Bildkomposition eines der Schlüsselelemente ist, welches die Profis von den Amateuren abhebt.

Zunächst müssen wir aber ganz am Anfang beginnen.

Wie betrachten Menschen eigentlich ein Foto?

Betrachter wollen durch ein Bild geführt und geleitet werden. Da Dissonanz sehr unangenehm ist, geniessen es die Leute umso mehr dein Foto zu betrachten, je kontinuierlicher der Fluss durch die Aufnahme ist. Ich bin sicher, dass du eine solche Dissonanz auch schon erlebt hast: manchmal flackern die Augen ziellos umher, ohne auf einen Hauptschwerpunkt gezogen zu werden, manchmal ist ein Bild so leer, dass du nicht mal weisst wo du eigentlich hinschauen solltest und manchmal ist auch das Gegenteil der Fall, wenn ein Foto so überladen ist, dass man sich einfach überfordert fühlt.

Was du daraus lernen kannst ist, dass du Menschen an der Hand nehmen und durch dein Bild führen musst. Um das zu tun, gibt es eine ganze Zahl verschiedener Elemente, die zur perfekten Bildkomposition beitragen können. Manche Fotografen nennen diese Elemente “Regeln”, ich ziehe es jedoch vor, sie als Zutaten zu betrachten. Nach dem Lesen dieses Artikels wirst du also ein Kabinett voller Zutaten zur Auswahl haben, die du dann nach Bedarf anwenden kannst. Das heisst jetzt natürlich um Gottes Willen nicht, dass all diese Regeln bei jedem einzelnen Foto zum Einsatz kommen müssen. Ein Koch wirft schliesslich auch nicht jede Zutat, die er im Schränkchen hat einfach so in seinen Kochtopf, richtig? Sieh diese folgenden zehn Komponenten als Richtlinien an, die du jedoch fest im Hinterkopf  behalten solltest, so dass du sie in den angemessenen Situationen herausziehen kannst.

Und ja, diese “Regeln” werden natürlich häufig auch gebrochen. Regeln sind ja schliesslich da um gebrochen zu werden und je nach Situation kann das natürlich angemessen sein. Aber denk dran, um Regeln zu brechen, muss man diese zunächst kennen:

1. Die Drittelregel

Die Drittelregel ist einfach: Das Bild wird in Drittel unterteilt – sowohl horizontal als auch vertikal – und was sich daraus ergibt, sind vier Linien sowie vier Schnittstellen. Das Ziel ist nun, bei der Motivplatzierung die Elemente wie zum Beispiel der Horizont oder das Subjekt entlang dieser Linien oder auf den Schnittstellen zu platzieren.

Wo platziert man denn am besten den Horizont?

Ob man den Horizont auf die untere oder die obere Linie setzen soll, hängt ganz davon ab, wie spannend entweder der Himmel oder der Vordergrund ist. Wenn man einen dramatischen Himmel mit wunderschönen Wolkenformationen vor sich hat, sollte man nicht zögern, dem Himmel auch zwei Drittel des Bildes zu widmen und den Horizont entlang der unteren Linie anzusetzen. Ist der Himmel jedoch blau, leer und langweilig, und hat man etwas Interessantes im Vordergrund gefunden, platziert man den Horizont besser auf der oberen Linie und vermeidet so, dass zwei Drittel des Bildes von leerem Raum in Anspruch genommen werden. Finde jedoch eine Balance zwischen Vordergrund und Hintergrund und wenn der Himmel zum Beispiel sehr aktiv ist, versuche diesen mit einem ruhigen Vordergrund auszugleichen.

Vermeide die Mitte:

Vermeide es, Elemente genau in der Mitte des Rahmens zu platzieren. Das gilt natürlich besonders für den Horizont oder den Bildschwerpunkt.

So funktionierts: die Drittelregel

the rule of thirds: place the elements in your image along the four lines

2. Die Regel der Ungleichheit

Die Regel der Ungleichheit besagt, dass eine ungerade Anzahl von Elementen für den Betrachter optisch ansprechender ist als eine gerade Anzahl. Ein Foto mit beispielsweise zwei Vasen im Bild ist vorhersehbarer und somit auch langweiliger, während ein Bild mit drei Vasen mehr Dynamik und Spannung erzeugt. In gewisser Weise ist ein solches Foto auch ausgeglichener, da ein Mittelpunkt geschaffen wird, auf den das Auge gezogen wird.

Suche eine Gerade oder ein Dreieck:

So einiges an Forschung hat gezeigt, dass die Darstellung von genau drei Elementen am angenehmsten fürs Auge ist und dass man diese drei Elemente entweder in einer schnurgeraden Linie oder in einem Dreieck platzieren soll. Um ein solches Dreieck zu erstellen, positioniere deine drei Elemente in unterschiedlichen Abständen und gib so deinem Bild mehr Tiefe. Dein Hauptelement wird so auch durch zwei Nebenelemente gestützt, die den Blick wiederum auf den gewählten Schwerpunk lenken.

So funktionierts: Dreieck

Creating a triangle with three elements in your photo guarantees a pleasing composition

3. Leitende Linien

Ich habe ja bereits erwähnt, dass es unglaublich wichtig ist den Betrachter durch das Bild zu führen. Ein schlecht zusammengesetztes Foto lässt den Blick des Zuschauers ziellos wandern, ohne dass die Augen in irgendeiner Weise geleitet werden. Du musst dein Publikum also bei der Hand nehmen und durch dein Bild führen und um das zu tun, brauchst du leitende Linien. Mit diesen Linien wird der Blick des Betrachters kontrolliert – Strassen zum Beispiel vermitteln ein Gefühl von Bewegung und kreieren so mehr Tiefe und eine visuelle Reise durch das Bild.

So funktionierts: leitende Linien

Leading lines: when composing a photo, a curved road instills a sense of journey

Natürlich müssen Führungslinien keine Strassen sein, sondern es können natürlich auch Schienen, Zäune, Drähte, Flüsse oder Baumstämme verwendet werden. Diese Linien gibt es in den verschiedensten Formen und Grössen: geschwungene Linien vermitteln ein Gefühl des Reisens, diagonale Linien kreieren Dramatik und konvergierende Linien führen zu einer noch stärkeren Perspektive und ziehen das Auge auf einen prominenten Schwerpunkt.

Während jedoch horizontale und vertikale Linien vor allem ein Gefühl von Stabilität und Ruhe vermitteln, bringen diagonale Linien Bewegung und Dramatik in das Foto.

so funktionierts: diagonale linien

Diagonal lines instill more drama and movement

4. Symmetrie und Muster

Symmetrie liegt vor, wenn zwei Hälften von etwas – horizontal oder vertikal – gleich oder zumindest ähnlich aussehen. Muster sind die Wiederholung eines bestimmten visuellen Elements und können entweder gleichmässig oder unregelmässig auftreten. Weil es keine plötzlichen Abweichungen gibt, haben Symmetrie und repetitive Muster eine harmonische und beschwörende Wirkung und können dem Betrachter ein Gefühl von Ruhe vermitteln. Breche die Symmetrie, um dem Bild absichtlich Spannung zu verleihen.

So funktionierts: Muster und Symmetrie

Symmetry in photography

5. Finde einen Bildschwerpunkt

Wird ein Foto ohne Subjekt einfach leer gelassen, kann dies genauso wie die Abwesenheit von leitenden Linien zu Verwirrung führen. Betrachter wissen in einer solchen Situation nicht, wo sie hinschauen sollen, denken sich, dass da “irgendwas fehlt” und werden deinem Foto wohl kaum mehr als nur einem flüchtigen Blick schenken.

Die Lösung ist einen Schwerpunkt in der Landschaft zu finden, ein Zentrum der Aufmerksamkeit, welches den Blick auf sich ziehen kann. Finde dafür ein dominantes Merkmal, wie zum Beispiel einen Berg, einen Baum oder eine Person. Du kannst den Fokuspunkt auch auf ein Element setzen, welches eine abweichende Farbe, Grösse oder Form hat. Einen Bildschwerpunkt kann man schlussendlich auf verschiedene Weise finden, das Ziel ist aber ein Element zu wählen, welches aus der Umgebung klar heraussticht und dem Auge einen Ruhepunkt bietet.

So funktionierts: finde einen Bildschwerpunkt

the person in the landscape serves as a focal point and gives the eye a resting place

6. Mehr Raum für Bewegung

Fotoelemente, die eine Bewegung vermitteln, wie zum Beispiel ein galoppierendes Pferd, ein fahrendes Auto, eine laufende Person oder auch einfach nur der Blick eines Menschen in eine gewisse Richtung, brauchen etwas mehr Platz. Wird dann ein Foto zu dicht zugeschnitten, die Dimensionen zu begrenzt gewählt und es wird nicht genügend Raum für die implizierte Bewegung gelassen, führt das zu einer Enge, welches das Subjekt im Rahmen geradezu gefangen hält und beim Betrachter ein angespanntes, unangenehmes Gefühl auslöst. Du musst also eine Antwort auf die Frage geben, wo das Subjekt denn hingeht oder hinschaut. Zeige die Reise, lass genügend Raum zum Atmen und ende das Bild nicht zu abrupt.

So funktionierts: Lass genügend Raum für Bewegung

Panda Bear at the Bifengxia Panda Base in Sichuan Province near Chengdu, China.

7. Fülle den Rahmen

Auf den ersten Blick erscheint dieser Punkt vielleicht etwas widersprüchlich – habe ich dir nicht gerade gesagt, dass du dem armen Subjekt etwas Raum zum atmen lassen sollst? Den Rahmen auszufüllen bedeutet jedoch nicht, dass man auch noch den allerletzen Ecken leeren Raumes loswerden muss, sondern einfach nur, dass du jegliche unnötigen und vor allem störenden Hintergrundelemente weglassen und dem Subjekt so viel Aufmerksamkeit geben solltest, wie es verdient. Du willst ja schliesslich nicht, dass Leute das Hauptmotiv deines Fotos mit der Lupe suchen müssen.

Wenn du zum Beispiel ein Porträt fotografierst, musst du nicht zwingend eine grosse Blase leeren Raumes um den Kopf der Person belassen. Habe keine Angst davor, auch mal grosszügig was abzuschneiden. Du kannst sogar ganz Nahe ran und für einen dramatischen Effekt und ein etwas ungewöhnlicheres Bild nur einen kleinen Ausschnitt oder ein Detail fotografieren.

Was für Techniken gibt es denn, den Rahmen zu füllen? Zoome rein, benutze die Beine und bewege dich näher ans Subjekt ran, oder wenn du nur noch etwas ausbessern musst, schneide das Foto anschliessend in der Nachbearbeitung zurecht.

So funktionierts: den Rahmen füllen

Old Chinese man in Shangri-la

8. Finde die Ebenen

Ebenen sind das, was einem Foto – was ja schliesslich ein flaches Medium ist – Tiefe verleiht und das Ziel ist es natürlich, ein zweidimensionales Foto in ein dreidimensionales Stückchen Kunst zu verwandeln. Um diese Ebenen zu finden, schau zuerst, was die Welt vor deinen Augen zu bieten hat. Stell dir eine Berglandschaft mit den typischen Schichten aus gezackten Bergketten vor, deren Farbton zunehmend blasser wird, bis sie schlussendlich im Hintergrund verschwinden. Diese Ebenen, die weiter und weiter in den Hintergrund treten sind genau das, was deinem Bild das so dringend benötigte Gefühl von Distanz verleiht.

Es ist bei der Erstellung der Bildkomposition wichtig, mindestens einen Vordergrund, einen Mittelgrund und einen Hintergrund zu finden. In der Landschaftsfotografie könnte der Vordergrund zum Beispiel ein Fleck voller Blumen oder Steine, der Mittelgrund Wasser und der Hintergrund eine Bergkette und Himmel sein.

Eine andere Art der Ebenenbildung kommt oft in der Porträtfotografie zur Anwendung, wo das Subjekt stets im Vordergrund ist und Tiefenschärfe verwendet wird, um gewisse Dinge scharf zu belassen und andere zu verwischen. Eine klar definierte Übergangszone zwischen scharf und unscharf trennt die Ebenen und schafft Distanz. Abgesehen von der Tiefenschärfe, kann man Ebenen auch mittels Spiegelungen im Wasser oder anderen Flächen, Farben, Helligkeit und so weiter erschaffen.

So funktionierts: Ebenen

find at least three layers in your photos: foreground, middleground and background

9. Halte den Hintergrund simpel und achte auf saubere Ränder

Mit dieser Regel haben viele Anfänger zunächst Mühe. Sie sind so auf das Subjekt fokussiert, dass sie komplett übersehen was im Hintergrund und an den Rändern ihrer Aufnahme passiert. Was am Ende dabei herauskommt ist ein Foto, auf dem halb-abgeschnittene Menschen in und aus dem Bild laufen und ein überladener Hintergrund voller unnötiger Elemente, die nichts zum Foto beitragen sondern nur ablenken.

Natürlich ist nicht alles, was sich im Hintergrund befindet automatisch schlecht. Du solltest jedoch aktiv das Geschehen und die Kulisse vor dir betrachten und entscheiden, was mit ins Bild muss und was nicht. Das heisst, dass du vielleicht einen neuen Winkel finden musst. Wenn eine Reisegruppe im Hintergrund rumwatschelt, versuche zum Beispiel aus einer anderen Richtung zu schiessen. Eventuell kannst du auch einfach warten, bis sich Menschen aus dem Bild bewegt haben oder du kannst mit einer kleineren Blendenzahl die störenden Elemente im Hintergrund wortwörtlich entschärfen.

Eine gute Faustregel ist jedoch, den Hintergrund möglichst einfach zu halten. Und wenn du absolut keinen Weg findest diese störenden Elemente bereits beim fotografieren loszuwerden, kannst du sie natürlich auch in der Nachbearbeitung mit dem Clone Stamp Tool entfernen.

So funktionierts: den Hintergrund einfach halten

keep backgrounds simple

10. Vereinfache

Du hast es wahrscheinlich auch schon gehört, aber: weniger ist mehr! Wie auf viele andere Aspekte des Lebens trifft dieses Konzept auch auf die Fotografie zu. Chaotische, überfüllte oder zu komplizierte Fotos verwirren den Betrachter bloss. Die Idee hinter dem Vereinfachungsprinzip ist nicht etwas banales oder allzu simplistisches zu kreieren, sondern einfach unnötige Elemente aus dem Foto zu entfernen. Um das zu tun, frage dich was in deinem Bild stören könnte und zoome etwas mehr, setze das Bild auf eine andere Art und Weise zusammen, verwende Tiefenschärfe, schneide zu oder benutze das Clone Stamp Tool in der Nachbearbeitung.

So funktionierts: Vereinfachen

Perfect composition in photography: Simplify and remove any unnecessary elements

Diese zehnt Konzepte sehe ich also als die Basiselemente der Bildkomposition. Natürlich gibt es beim Fotografieren noch viel mehr zu beachten, wie die Farbe, der Kontrast, Bewegung, einen Rahmen usw., diese sind jedoch Themen für ein anderes Tutorial. Nimm dir die oben genannten Zutaten zu Herzen und übe, übe, übe. Geht mal raus in deine Stadt und versuche einen Tag lang nur auf eine einzige Regel zu achten. Happy shooting!




10 Responses

  1. Jasmin

    Was die Fotografie angeht habe ich noch so viel zu lernen und diese Tipps sind wirklich anschaulich erklärt. Danke, Tiffany!
    Liebe Grüße,
    Jasmin

    Reply
    • Tiffany

      Vielen Dank für den Kommentar Jasmin! Diese lieben Kommentare inspirieren mich immer wieder dazu, mit den Tutorials weiterzumachen. Happy shooting! 🙂

      Reply
  2. Sarah

    Das sind wirklich gute Tipps und endlich mal sehr anschaulich erklärt! Vielen Dank dafür 🙂

    LG Sarah

    Reply
  3. Christel

    Vielen Dank für dieses äußerst hilfreiche Tutorial!
    Du erklärst wichtige aber auch manchmal trockene Regeln einfach und sehr anschaulich.

    Die Drittelregel und den Goldenen Schnitt kenne ich, aber Deine anderen, ebenso wichtigen Regeln sind neu für mich.

    Vielleicht kann ich in Zukunft interessantere Fotos, statt 08/15 Fotos schießen.

    Liebe Grüße Christel

    Reply
    • Tiffany

      Ich freue mich, dass ich dir einige hilfreiche Kompositionstips mit auf den Weg geben konnte. Immer dran bleiben und happy shooting!

      Reply
  4. Christel

    Hmmm…..meine Bemerkung ist weg……
    Es scheinen doch nur Weltreisende und Globetrotter hier schreiben zu dürfen.

    Schade.

    Dabei gefällt mir die Seite sehr gut.

    Reply
    • Tiffany

      War die letzten Tage krank und bin erst heute wieder voll am arbeiten 🙂 man kann auch als Digitaler Nomade nicht ständig am Laptop sein. Hoffe du hast Verständnis und schaust trotzdem wieder mal hier vorbei.

      Reply

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