This post is also available in: Englisch

Budapest war mein Lichtlein am Ende des Tunnels. Eines dunklen, kalten und feuchten Tunnels. Die Monotonie, die in Mitteleuropa einsetzte, wurde nach einigen Wochen so schlimm, dass ich meine Entscheidung, den Kontinent zu bereisen, an jeder Ecke verfluchte. Ich war so uninspiriert von der Sauberkeit, der hübschen Gebäuden, dem endlosen grauen Beton der Grossstädte und dem absoluten Mangel an Spass, dass ich obendrein auch noch eine Schreibblockade bekam. Abwechslung musste her.

Ich beschwere mich ja öfters in letzter Zeit. Ernsthaft, wenn man ein Wörterbuch öffnet, steht „ist grantig wegen zu viele schöner Architektur“ wohl ganz zuoberst bei der Definition von „verwöhntem Westler“. Ich gebe zu, es ist mir fast ein wenig peinlich, dass ich hier ständig so schlecht gelaunt daherkomme. Normalerweise bin ich ja nicht so dramatisch drauf. Ich bin nur kein grosser Fan von europäischen Kulturreisen und hätte gerne mal ab und zu etwas Abwechslung und Aufregung.

Also Universum, wenn du mich hörst, sende bitte etwas mehr Adrenalin in meine Richtung!

Caving in Budapest - Photo by Brendan van Son

Und dann kam Budapest und mit der Stadt eine Atempause für mich. Eine Pause vom wütenden Pfützen-Anstarren, von abwechselnd über Wind, Regen oder Kälte fluchen und von Tannenzapfen-Fussball als Unterhaltungsalternative. Abgesehen von einem wundervollen Ausflug zum Széchenyi Thermalbad, inklusive Einweichen in dampfendem Wasser, fanden wir heraus, dass man sich in Budapest auch für Höhlentouren anmelden kann. In genau den Höhlen, die einst von besagtem Thermalwasser gebildet wurden.

Höhlentour in einer Grossstadt – das hört man ja mal nicht jeden Tag! Und es ist nicht die Art von Tour, wo man mit ein paar hundert anderen Touris in einer grossen Höhle rumsteht und für einige Minuten ein paar Stalaktiten bewundert. Nein, es ist die Art von Tour, bei der man ein paar Stunden später erschöpft, völlig dreckig und mit einem kaputten Knie raushumpelt, aber eigentlich gleich nochmals rein will, weils so geil war.

So liebe Leser, Zeit sich wieder einmal die Hände schmutzig zu machen.

Caving in Budapest - Photo by Brendan van Son

Treffpunkt ist der Nyugati Platz im Zentrum von Budapest, wo wir von unserem Guide abgeholt werden. Ich kann verstehen, warum wir uns Mitten in der Stadt und nicht bei den Höhlen treffen, denn anscheinend braucht es einiges an Insiderwissen um das – natürlich auf Ungarisch gehaltene – Bussystem gekonnt zu navigieren. Wir besteigen zwei Busse und kommen schliesslich erst bei den Höhlen an, als es bereits dunkel wird.

Ein paar Regentropfen beginnen vom Himmel zu fallen und wir werden in kleinere Gruppen aufgeteilt und zum Umziehen geschickt. Man gibt uns Helm, Stirnlampe und Overall. Da alle in meiner Gruppe jung und sportlich sind, entscheidet unser Guide, dass wir die „fun tour“ machen können.

Cool. Einer extra Dosis Spass bin ich ja grundsätzlich nie abgeneigt.

Die Tour beginnt einfach. Mit der Warnung, nicht in Panik zu geraten, falls die Batterie der Stirnlampe den Geist aufgeben sollte (Scherz, oder?), werden wir über eine lange Eisenleiter in das dunkle Höhlensystem runtergeschickt.

Die Höhlen sind feucht und innerhalb von Minuten sind meine Hände völlig von Lehm bedeckt. Der Boden ist glatt und meistens kann ich mich, um nicht auszurutschen oder mit dem Kopf an einen Fels zu knallen, nur auf allen Vieren fortbewegen. Manchmal setzen wir uns auch auf unsere Hintern und rutschen die schlammigen Abhänge einfach auf dem Hosenboden runter. Wir besuchen einige grössere Kammern und halten schliesslich vor einer Wand mit Loch an.

Die Öffnung ist nicht viel grösser, als ein menschlicher Körper und auf den ersten Blick kann ich nicht erkennen, wie denn jemand dort durch passen kann. Für einmal bin ich froh, eine kleine, zierliche Frau zu sein. Zum Glück geht’s abwärts – ich bin in der Lage reinzurutschen und lasse die Schwerkraft den Rest erledigen. Dem Grunzen und den gelegentlichen Schimpfwörtern, die aus der Dunkelheit dringen, ist zu entnehmen, dass die ganze Akrobatik für einige der grösseren Männer der Gruppe jedoch nicht ganz so einfach ist.

Ich finde auch heraus, dass ich offenbar nicht klaustrophobisch veranlagt bin.

Caving in Budapest - Photo by Brendan van Son

Während die Stunden fortschreiten, werden die Öffnungen kleiner und kleiner. Das Loch vom Anfang erscheint im Vergleich zu den winzigen Rissen, durch die wir uns nun zwängen müssen, plötzlich gigantisch. Meistens stecken wir Kopf voran in einem Tunnel, die Arme irgendwie verbogen und bewegen uns zentimeterweise nur mit den Zehen vorwärts. Das kann schon mal dauern und manchmal denke ich über die erste Aussage unseres Guides nach, nicht in Panik zu geraten, wenn der Stirnlampe der Saft ausgeht.

Ich wette, in einem engen Tunnel bei völliger Dunkelheit festzustecken und dabei ruhig zu bleiben, ist alles andere als einfach. Zum Glück hält mein Scheinwerfer, ohne auch nur ein Flimmern von sich zu geben, die ganze Tour durch.

Es ist heiss. Schweiss sammelt sich auf meiner Stirn und ich fühle mich, als würde ich in meinem synthetischen Anzug bei lebendigem Leib gebacken. Trotzdem bin ich froh, das Kleidungsstück zu haben. Ich bin von Kopf bis Fuss verdreckt und meine normalen Kleider hätten bei diesen Konditionen keine Minute durchgehalten und wären von den scharfen Felsen zerfetzt worden.

Apropos scharfe Felsen: Ich habe es natürlich geschafft, mein Knie gegen einen Felsen grün und blau zu schlagen und muss fortan humpeln.

Trotzdem habe ich mich nicht mehr so gut amüsiert, seit ich in Namibia mit 72km/h eine Sanddüne runtergerast bin und beim River Rafting in Sambia beinahe ersoffen wäre. Unser Guide reisst ständig Witze, wahrscheinlich um jegliches Aufkommen von Angst bereits im Keim zu ersticken.

Die Höhlentour ist jedoch sehr sicher und die Guides sind gut ausgebildet und kennen sich prima aus. Nur einmal denke ich, dass ich in einer Spalte feststecke und dass mein Skelett zukünftigen Touristen als Attraktion und Warnung dienen würde. Natürlich kann ich jedoch unversehrt wieder rauskriechen. Offenbar nehmen hin und wieder auch einige – räusper – dickere Menschen an den Touren teil. Ich kann mir zwar nicht vorstellen wie, aber anscheinend gibt es auch einige einfachere Routen.

Wer also in Budapest ist, sollte sich diese ungewöhnliche Aktivität keinesfalls entgehen lassen und sich auf Höhlenerforschung begeben. Es ist unglaublich beeindruckend.

Caving in Budapest - Photo by Brendan van Son

Tipps:

  • Unbedingt robuste und hässliche Schule mitbringen. Nicht die leichten Turnschute und nicht die Schuhe, die man vorhat jemals wieder in einigermassen gediegenem Rahmen zu tragen. Ich hatte meine Wanderschuhe dabei und war froh über diese gute Entscheidung. Sie waren am Schluss mit Schlamm überzogen und wurden über scharfe Felsen geschleift. Ich sah aus, als sei ich gerade von einer langen Schicht in einem Bergwerk zurückgekommen. Jeder, der hübsche Schuhe dabei hatte, hat es bereut. Wirklich bereut.
  • Trage nur ein T-Shirt unter dem Overall. In den Höhlen herrschen konstante 10°C und bei der schweisstreibenden Aktivität kann es ganz schön heiss werden.
  • Überlege dir, das Smartphone und die Kamera daheim zu lassen. Wer den obigen Artikel gelesen hat, sollte eigentlich wissen warum.

Über den Autor

Tiffany is a Swiss travel writer, digital nomad, and photographer, who, after a fateful journey through Africa, has decided to get her passport renewed, sell all her junk, and live out of a suitcase in various corners of the world, as well as share the experiences with other travel enthusiasts. This blog is intended to inspire you to pack your bags, leave everything behind for a while, and make you go discover the world. Check her out on .

Hinterlasse eine Antwort

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.

CommentLuv badge