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“Keine Panik,” sage ich mir, als ich der lückenlosen Wand an Motorrädern entgegentrete, welche allesamt unnachgiebig die Strasse runter sausen. Das Überqueren einer Strasse scheint wohl aus der Sicht der meisten Besucher unmöglich, ist aber leichter als man denk, wenn man sich an den wahnsinnigen Verkehr, der Hanoi’s Strassen fest im Griff hat, erst einmal gewöhnt hat.

Ich trete auf die Strasse und marschiere langsam aber resolut vorwärts, während Fahrzeuge mir ausweichen wie Wasser, das auf einen Felsen trifft. Ich fühle mich wie Moses, als er das Meer teilte.

Ich habe Vietnam jedoch nicht wegen der Euphorie und der Erleichterung gewählt, die einem jedes Mal überkommt, wenn man es wieder einmal geschafft hat ohne plattgewalzt zu werden die Fahrbahn zu überqueren, sondern aus einem anderen, ganz einfachen Grund: Ich hatte Südostasien satt. Obwohl ich nach viel zu viel Zeit in Indonesien entschlossen war dem Kontinent noch nicht den Rücken zu kehren, brauchte ich trotzdem eine Veränderung, eine Pause. Vietnam ist nicht allzu weit von meinen ursprünglichen Plänen entfernt, aber weit genug nördlich, dass ich dank Kulturschock, einem latenten chinesischen Einfluss, Chaos und einer hervorragenden Küche wieder Lust bekomme, die Region weiter zu bereisen.

Caphe Trung

Scenes in Hanoi

Ich übernachte in einem Hotel mitten in der Altstadt, einem Labyrinth aus etwa 40 ziemlich identisch aussehenden Strassen, deren Ursprung hunderte Jahre zurück liegt. Damals liessen sich die Handwerker und Händler entsprechend ihrer Spezialisierung in verschiedenen Teilen der Stadt nieder. Wann immer ich einen Fuss nach draussen setze, verliere ich nach kurzer Zeit die Orientierung  und verlaufe ich mich in diesem Irrgarten, werde daher aber auch gezwungen, den Grossteil der Strassen mindestens einmal abzuwandern. Ich sehe eine Blumenstrasse, eine Silberstrasse, die Süssigkeitenstrasse, eine Strasse mit Käfigen und Körben, eine andere mit Mänteln und dann wieder eine, die nur chinesische Laternen verkauft.

Obwohl Hanoi im Februar kalt und regnerisch ist und alles irgendwie ein bisschen dunkel und grimmig wirkt, ist die Stadt lebendig. Einheimische, die vor Strassenständen und in kleinen Restaurants auf winzigen Stühlen sitzen und sich um dampfende Teller drängen, sind entlang der Strassen allgegenwärtig. In Vietnam werden Gerichte verschiedenen Tages- und sogar Jahreszeiten zugeordnet und dementsprechend verkaufen ein Grossteil der kleinen Freiluftrestaurants nur ein einziges Gericht. Pho zum Frühstück, Bun Cha am Mittag, Hotpots am Abend.

Geheime Gassen führen zu erstaunlichen Cafés, die so versteckt liegen, dass man dahinter nur private Wohnräume und Hinterhöfe vermutet. Eines davon ist das beliebte Cafe Giang, das nur durch einen dunklen Tunnel und eine enge Treppe zu erreichen ist. Hier sitzen die Gäste um hölzerne Miniaturtische, knacken Sonnenblumenkerne und schlürfen Cà Phê Trung – vietnamesischer Eierkaffee.

Frauen in Kegelhüten balancieren schwere Körbe an langen Stangen und Männer auf Motorrädern bieten ihre Dienste als Moto-Taxis an. Die Ananasfrau ist besonders clever. Sie wartet an geschäftigen Strassenecken und macht so einen ziemlich harmlosen Eindruck. Ist man aber einen Moment unachtsam, reagiert sie blitzschnell und plötzlich trägt man ihren Hut und hat die Stange mit den Körben auf den Schultern. Dann lächelt sie unschuldig und bietet an, ein Foto zu schiessen. Man muss ihr die Ananas anschliessend fast abkaufen.

Buildings at the Temple of Literature

Temple of Literature, a man paints calligraphy

Calligraphy

Mitten in diesem hupenden und summenden Chaos liegt eine ruhige Oase der antiken Kultur. Der Tempel der Literatur ist Konfuzius gewidmet und ist ein besinnlicher Ort voller grüner Innenhöfe, roter Säulen und dem wabernden, duftenden Rauch von Raucherstäbchen. Leuchtend rote und goldene Altare sind mit Blumen und Gaben bedeckt, in der Mitte meistens eine Statue von Konfuzius, manchmal die eines Kaisers und einmal sogar das Abbild eines verehrten Rektors. Vor tausend Jahren war der Tempel die Kaiserliche Akademie, die erste Universität Vietnams, heute jedoch kommen Studenten nur noch um kleine Gebete in Kalligrafie auf  Papier zu schreiben und um Erfolg in ihren Prüfungen zu bitten.

Ich schreite durch Tore mit so poetischen Namen wie “Grosser Erfolg”, “Kristallisation von Buchstaben” und “Goldener Klang”, entlang der “Quelle der himmlischen Klarheit” und durch das “Haus der Zeremonien”. Schildkrötenstatuen – eine der vier heiligen Kreaturen Vietnams – tragen Stelen mit den Namen von erfolgreichen Absolventen der kaiserlichen Prüfungen.

Shrine to Confucius

Inside the Temple of Literature

Der Literaturtempel ist jedoch nicht der einzig ruhige Ort in der Grosstadt. Ich bin zufälligerweise während des Valentinstags in Hanoi und folge einem grossen Strauss aus Luftballons die Strasse runter, als ich einen kleinen See entdecke. Der Hoàn Kiếm ist ein malerisches, etwas ruhigeres Örtchen in einer lauten und geschäftigen Umgebung. Laut einer Legende verlangte hier der Schildkrötengott sein magisches Schwert vom Kaiser Lê Lợi zurück, welches er ihm zum Kampf gegen die Chinesen geliehen hatte. In der Mitte des See’s liegt also der Schildkrötenturm (nicht zugänglich) sowie der Tempel des Jadebergs (zugänglich über eine Brücke).

Zum Glück bietet der Valentinstag eine gute Gelegenheit um Leute zu beobachten, denn der Tag der Liebe scheint viele Pärchen, Familien und Freunde für einen Spaziergang an den See gezogen zu haben. Ein junger Mann spielt auf einer Violine für seine Freundin, ein altes Ehepaar umarmt sich auf einer Parkbank und so einige junge Leute haben Fotoshootings entlang des Ufers. Die meisten Leute geniessen aber, genau wie ich, einfach einen schönen Tag und gute Gesellschaft.

The lake at night

Valentines Day at the lake

 

Über den Autor

Tiffany is a Swiss travel writer, digital nomad, and photographer, who, after a fateful journey through Africa, has decided to get her passport renewed, sell all her junk, and live out of a suitcase in various corners of the world, as well as share the experiences with other travel enthusiasts. This blog is intended to inspire you to pack your bags, leave everything behind for a while, and make you go discover the world. Check her out on .

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