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Wo setzte ich den Fokus, wenn ich weite Landschaften fotografiere? Im Vordergrund? Irgendwo in der Mitte? Oder auf die Berge im Hintergrund? Diese Frage kommt immer wieder auf, wenn ich interessierten Fotografen die Landschaftsfotografie und deren Komposition näher bringe. Die Antwort ist jedoch nicht ganz so einfach, dass ich dir einfach auf den Bildschirm tippen und “hier” sagen könnte.

Zuerst muss man sich nämlich ein wenig mit der hyperfokalen Distanz, bzw. der hyperfokalen Entfernung vertraut machen. Dies beinhaltet leider auch etwas Mathematik und ich weiss wir alle hassen Mathe… aber hab Geduld, in diesem Artikel wird das Fokussieren in der Landschaftsfotografie kurz und knapp erklärt.

Hyperfokale Distanz verstehen

Vor allem in der Weitwinkel-Landschaftsfotografie wird meist gewünscht, dass die Aufnahme durch das gesamte Bild hindurch knackig scharf ist. Fokussiert man genau auf der hyperfokalen Entfernung bedeutet dies, dass theoretisch eine akzeptable Schärfe von rund der Hälfte dieser Entfernung, bis zur Unendlichkeit erreicht werden kann. Oder vereinfacht: Die Schärfentiefe reicht von der halben hyperfokalen Distanz bis ins Unendliche.

Folgende Abbildung visualisiert dieses Konzept:

Diagramm hyperfokale Distanz bzw. hyperfokale Entfernung. Schärfentiefe, scharfe und unscharfe Bereiche sowie Fokuspunkt beim fokussieren in Landschaftsfotos erklärt.

Berechnung der hyperfokalen Distanz

Die hyperfokale Distanz hängt vom Blendenwert, der Brennweite sowie dem Crop-Faktor des Sensors und des damit zusammenhängenden Zerstreuungskreises ab. Den Zerstreuungskreis des Sensors kann man ganz einfach online nachschlagen. Fotografiere ich zum Beispiel mit einem Blendenwert von f/8, einer Brennweite von 16mm und mit meiner 7D Mark II, die einen Crop-Faktor von 1.6 und einen Zerstreuungskreis von 0.019mm aufweist, würde ich die hyperfokale Entfernung wie folgt berechnen:

Formel zur Berechnung der hyperfokalen Distanz bzw. hyperfokalen Entfernung

Berechnung hyperfokale distanz

In diesem Beispiel liegt die hyperfokale Distanz also bei 1.7 Meter. Das bedeutet (nachgerechnet mit einem Schärfentiefe-Rechner), dass die Schärfentiefe von 0.85 Meter bis unendlich reicht und das Bild innerhalb dieses Bereiches ausreichend scharf ist.

Aber keine Sorge, hat man nicht Lust jedes mal den Taschenrechner und Notizblock hervorzukramen, gibt’s für die Berechnung der hyperfokalen Entfernung und der dazugehörigen Schärfentiefe auch eine Vielzahl von Apps und Online-Rechnern. Oder man kann sich auch selbst eine Tabelle zusammenstellen und in die Fototasche stecken. Hat man dann die hyperfokale Distanz mal berechnet oder nachgeschlagen, braucht es nur noch ein gutes Augenmass, um den Fokus auf diese ungefähre Entfernung einzustellen – um Fehler zu vermeiden vorzugsweise manuell im Live-View.

Die Faustregel

Natürlich ist es nicht wirklich realistisch, sich jedes mal wenn man den Auslöser drücken möchte zuerst durch all diese Berechnungen und Zahlen zu kämpfen. Das wäre schliesslich umständlich und würde in einer Alltagssituation viel zu viel Zeit in Anspruch nehmen. Die Kenntnis der hyperfokalen Distanz sollte für dich also eher ein Anhaltspunkt sein. Es ist gut diesen Anhaltspunkt ungefähr zu kennen, wenn möglich hie und da mal die Berechnungen zu durchlaufen, mit den Resultaten zu experimentieren und ein Gespür dafür zu erhalten, wie verschiedene Blendenwerte und Brennweiten die Schärfentiefe beeinflussen. Im fotografischen Alltag hingegen darf man gut und gerne auf die dazugehörige Faustregel zurückgreifen.

Diese Faustregel besagt, dass der Fokuspunkt in einer Landschaftsaufnahme in etwa auf dem vorderen Drittel des Bildes gesetzt werden sollte. Diese Faustregel ist natürlich nicht absolut perfekt, aber sie ist ein guter Ausgangspunkt.

fokussieren in der landschaftsfotografie

Aber auch wenn man die hyperfokale Distanz sorgfältig berechnet, ist ein von ganz vorne bis ganz hinten gestochen scharfes Landschaftsfoto kaum möglich. Wählt man einen hohen Blendenwert, hat man mit der resultierenden Beugungsunschärfe zu kämpfen. Fotografiert man mit einem kleineren Blendenwert, muss man Opfer bringen und entweder Schärfe im Vordergrund oder im Hintergrund einbüssen.

Sich hartnäckig an die hyperfokale Distanz zu halten hilft also nicht immer und die Formel ist auch keine Wunderlösung für rasiermesserscharfe Bilder. Es ist daher wichtig, jedes Foto individuell einzuschätzen und zu bestimmen, wo ein Bild unbedingt scharf sein muss und wo es in Ordnung ist eventuell Abstriche in Kauf zu nehmen.

Möchte man jedoch von ganz vorne bis ganz hinten gestochen scharfe Landschaftsbilder, kann es nützlich sein, sich doch mal das Tutorial zu Focus Stacking durchzulesen. Focus Stacking ist ein etwas fortgeschrittener Fokus-Trick, der einfach zu lernen ist und der alles – von den Gräsern im Vordergrund bis hin zu den entfernten Bergen im Hintergrund – knackig scharf erscheinen lässt.

Über den Autor

Tiffany is a Swiss travel writer, digital nomad, and photographer, who, after a fateful journey through Africa, has decided to get her passport renewed, sell all her junk, and live out of a suitcase in various corners of the world, as well as share the experiences with other travel enthusiasts. This blog is intended to inspire you to pack your bags, leave everything behind for a while, and make you go discover the world. Check her out on .

4 Responses

  1. Dirk Nehring

    Hmm, grundsätzlich ein schöner Artikel.
    Nur:
    Im ersten Abschnitt heißt es, dass der Crop-Fakor zur Berechnung der fokalen Distanz notwendig ist, aber weder in der Formel noch im restlichen Text taucht er dann wieder auf.
    Ist er nun wichtig oder nicht?
    Und wenn ja, warum wird er dann vernachlässigt in dem Text, in der Formel?

    Reply
    • Tiffany

      Danke Dirk und sorry für die Verwirrung, ich habe mich da im Artikel nicht ganz klar ausgedrückt. Der Crop Factor des Sensors selber wird zwar nicht in die Formel miteinbezogen, aber er bestimmt mit seinem diagonalen Durchmesser den Zerstreuungskreis. Da um diesen Zerstreuungskreis generell viel Verwirrung herrscht, ist es hilfreich, wenn man beim recherchieren dieser Zahl abgesehen vom Kameramodell auch noch den Sensortyp kennt.

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  2. Dieter

    Ja, Kurz und knackig erklärt und leicht nachzuvollziehen. Die angesprochene Tabelle hatten wir Fotografen “früher” (noch bis in die 1990er Jahre) allerdings immer dabei: sie war auf dem Tubus des Objektives als Tiefenschärfeskala eingraviert. Das funktionierte nicht nur bei Festbrennweiten, auch die Schiebezooms konnten mit Kurven so eine wertvolle Hilfestellung geben.
    Manches war “früher” wohl doch besser 😉

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    • Tiffany

      Da hast du recht 🙂 leider war das noch vor meiner Zeit, aber sobald ich dann mal wieder Platz habe (sprich weniger Reisen, mehr eigene Wohnung) habe ich vor mir eine ältere Kamera zum ausprobieren zu kaufen.

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