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Tagsüber ist Prag ist voller weisser und pastellfarbener Gebäude, blauer Kuppeln und roten Dächern, die in der Sonne leuchten. Die schmalen Gassen und geschäftigen Plätze der Stadt sind voller Leben, während Einheimische und Musikanten ihren Geschäften nachgehen und Händler sowie Touristen die Strassen verstopfen. Dämonen befinden sich hier, wenn überhaupt, nur in den Hinterköpfen der Besucher.

Wenn jedoch die Nacht hereinbricht und die leuchtenden Laternen immer längere Schatten auf die alten Kopfsteinpflaster werfen, verwandeln sich die gotischen Kathedralen, Statuen, Golems und Türme zu schwarzen Formen vor einem dunkler werdenden Himmel. Jetzt im Herbst steigt dichter Nebel von der Moldau auf und der Wind bläst farbige Blätter durch die Strassen. Es sind Zeiten wie diese, wo Menschen ihre Jacken etwas enger zuziehen und etwas schneller an den düsteren Silhouetten vorbeigehen.

Wahnsinnige Barbiere, kopflose Damen, ertränkte Jungfern, ermordete Nonnen, bettelnde Skelette und sogar ein feuriger Truthahn (verwirrende Geschichte, fragt nicht) – in Prag scheint es, zumindest im Gruseldepartement, an gar nichts zu fehlen. Die Stadt ist in unzählige furchterregende Geschichten und Legenden aus ihrer mythischen Vergangenheit gehüllt. Die unheimlichen Zeichen sind überall in Prag – auch tagsüber – man muss nur genau hinsehen und sie finden. Einige Nachforschungen meinerseits haben ergeben, dass auch die harmlosesten Kirchen und unscheinbarsten Touristenattraktionen auf irgendeine Weise mit grusligen oder eigenartigen Geschichten verbunden sind.

Wie die obige Aufzählung schon andeutet, ist die Liste der Geister lang. Nach meinem Besuch in der Knochenkirche, glaube ich langsam, dass es in ganz Tschechien ein wenig unheimlicher als anderswo zu und her geht. Hier sind einige meiner Favoriten unter den allseits bekannten, aber insgeheim grusligsten Sehenswürdigkeiten in Prag:

Die Karlsbrücke:

Man braucht nur das nachfolgende Bild zu betrachten, um zu sehen, dass die Karlsbrücke von einer ziemlich geheimnisvollen Aura umgeben ist. Dreissig Statuen säumen die Brücke und ragen stolz und imposant in den Himmel auf, während historische Laternen die alten Pflastersteine in ein schummriges gelbes Licht tauchen.

Charles Bridge in Prague before sunrise

Im Jahr 1621 wurden 27 Anführer eines Anti-Habsburg Aufstandes auf dem Altstädter Ring hingerichtet und, um weitere Insurrektionen seitens der Tschechen zu entmutigen, wurden deren Köpfe auch noch am Brückenturm aufgehängt. Das übliche Blutvergiessen des dunklen Zeitalters. Es wird jedoch gemunkelt, dass die Geister dieser hingerichteten Adeligen immer noch auf der Karlsbrücke herumspuken und den Passanten spät in der Nacht zuflüstern. Wenn man von einem Geist heimgesucht und verfolgt wird, dann wohl am ehesten hier, wo die Konzentration des Übernatürlichen angeblich am höchsten ist.

Die Astronomische Uhr:

Die älteste noch funktionierende astronomische Uhr, die einst sogar als eines der Weltwunder betrachtet wurde, macht auf den ersten Blick einen relativ unschuldigen Eindruck. Naja, es gibt ein Skelett, welches mit einer Glocke läutet, aber abgesehen davon, ist die Uhr hauptsächlich für ihre Schönheit und den komplizierten, sowie eleganten Mechanismus bekannt. Tausende von Touristen versammeln sich hier jeden Tag, Kameras im Anschlag, um den beweglichen Figuren für einige Sekunden bei ihrem Schauspiel zuzuschauen und sich einige unscharfe Fotos zu erkämpfen.

Astronomical Clock Prague

Eine Legende besagt, dass Meister Hanuš, der die Uhr vor 600 Jahren konstruiert hat, seinen Job jedoch ein wenig zu gut gemacht hat. Die Stadträte von Prag, ein eifersüchtiger Haufen, waren von der Schönheit und dem cleveren Design so angetan, dass sie den armen Hanuš blenden liessen, sodass dieser nie wieder etwas derart perfektes erschaffen konnte.

Am Ende jeder Performance der Figuren kräht zudem ein Hahn. Harmlos? Mitnichten. Der Ton soll die Teufel und Dämonen jeweils zu Sonnenaufgang aus der Stadt jagen.

Und noch ein letztes Wort: Marionetten

Marionetten sind eine Kunstform, die Jahrhunderte zurückgeht und anscheinend eine beliebte Form der Unterhaltung in der Tschechischen Republik ist. So schön die handgefertigten Puppen sind, so unheimlich erscheinen mir ihre hölzernen Glieder, die reglos an Fäden in der Luft ruhen und die eingefrorenen Gesichter, die einem anzuflehen scheinen, für immer und immer und immer mit ihnen zu spielen.

Marionette Theatre

Vielleicht ist meine Angst vor unbelebten Humanoiden auf diesen einen Film mit Chucky der mörderischen Puppe zurückzuführen, aber ich kann mich des Eindrucks nicht entwehren, dass, wenn ich diesen leblosen Dingern zu nahe komme, ich als Haufen verstümmelter Gliedmassen im Keller eines Marionettentheaters enden werde. Niemand kann einen Marionettenladen betreten, und sich in der unangenehm stillen Präsenz der unheimlichen Holzpuppen nicht leicht unwohl fühlen.

Über den Autor

Tiffany is a Swiss travel writer, digital nomad, and photographer, who, after a fateful journey through Africa, has decided to get her passport renewed, sell all her junk, and live out of a suitcase in various corners of the world, as well as share the experiences with other travel enthusiasts. This blog is intended to inspire you to pack your bags, leave everything behind for a while, and make you go discover the world. Check her out on .

2 Responses

  1. Nina

    Wow, unheimlich – das passt ja zu Halloween 😉
    Da bekomme ich gerade nochmals Lust, die Stadt zu besuchen – als ich dort war war es nämlich nur voll von Touristen, die alle Geister vertrieben haben. Wie du die Fotos ohne Menschen machen konntest ist mir also ein Rätsel ;-)… egal: sehr schön sind sie auf jeden Fall!

    Reply
    • Tiffany

      Vielen Dank Nina. Ich bin um 5 Uhr in der Früh aufgestanden, um noch vor Sonnenaufgang zu fotografieren – dann sind die Strassen menschenleer 🙂 Tagsüber gab es da teilweise kein Durchkommen mehr.

      Reply

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