This post is also available in: Englisch

Nur wenige Orte sind so geheimnisvoll, wie der Harem auf dem Topkapi Palastgelände in Istanbul. Abgesehen vom Sultan selber und den entmannten Dienern, schwarzen Eunuchen jeglicher Leidenschaften beraubt, war es keinem Mann erlaubt den Harem zu betreten – oder sich auch nur in dessen Nähe zu begeben. Sogar die Frauen, hatten sie das Tor einmal durchschritten, kamen nur selten wieder heraus um ihre Geschichte zu erzählen. Trotzdem sickerten Geschichten aus dem goldenen Käfig heraus. Fantasievolle Erzählungen und Gemälde aus dem Leben der osmanischen Damen zirkulierten im Westen, Geschichten, die natürlich bis zur Unkenntlichkeit romantisiert wurden. Ich war daher erpicht darauf, endlich den Ort zu betreten, der für all die wilden Geschichten der viktorianischen Ära und wohl so einiger Schundromane in den heutigen Bücherregalen verantwortlich ist und war.

The bagdad pavillon on the Topkapi Palace grounds

Der Baghdad Pavillon auf den Topkapi Palastgelände.

Der Harem ist versteckt und zunächst müssen mehrere Tore und Innenhöfe passieren werden, um überhaupt den Eingang zu erreichen. Einmal drin, wartet ein Labyrinth aus Räumen und Gängen, die jedoch nicht ganz an die romantischen Gemälde von nur halb-bekleideten Damen in luftigen Hallen unter orientalischen Bögen, die faulenzen und ihre zarten Gesichter mit Fächern bewedeln, heranreichen. Wie schon bei den gewaltigen Moscheen, wurden auch beim Bau des Topkapi Palast und des Harems keine Kosten und Mühen gescheut. Der Harem hat jedoch die Atmosphäre eines – wenn auch luxuriösen – Gefängnisses und ist eine versiegelte Sphäre, abgeriegelt von der Aussenwelt. Die blau und grün befliesten Korridore sind schmal und dank der vielen mit Sofas gesäumten quadratischen Räume, verliert der Besucher schnell die Orientierung. Obwohl die Gebäude atemberaubend sind, dekoriert mit bunten Iznik Fliesen, filigranen Goldverzierungen und Buntglasfenstern, passt der Harem perfekt auf die Beschreibung eines goldenen Käfigs.

One of the many rooms with sofas lining the walls.

Einer der vielen Sofa-gesäumten Räume.

More rooms and sofas.

Noch mehr Fliesen und Sofas.

Natürlich standen die Geschichten, die aus dem Harem drangen, nicht alle unter dem Motto Friede, Freude, Eierkuchen. Als Sultan Ibrahim – der Inbegriff eines psychotischen Herrschers – von seiner 150kg wiegenden fetten Geliebten Sechir Para (übersetzt “Zuckerwürfelchen”) erfuhr, dass eine seiner Konkubinen mit einem Herrn ausserhalb des Harems ein Techtelmechtel gehabt haben sollte, liess er einige der Mädchen foltern, um die involvierten Namen zu erfahren. Auf Zuckerwürfelchens drängen, und da keine der Damen gestand, schipperte Ibrabim die Frauen in die Mitte des Bosporus, zurrte schwere Sandsäcke an ihren Füssen fest und liess alle im Fluss ertränken. Nur ein Mädchen aus 280 überlebte die Tortur.

Zuckerwürfelchen wurde wenig später von ihrem Karma eingeholt, als sie von der Sultana Valide, der Sultansmutter und mächtigsten Frau im Staat, bei einem Bankett erwürgt wurde. Und was passierte mit Ibrahim? Auch genannt “der Verrückte”, hatte Ibrahim neben seinen Wutanfällen auch noch andere Charakterschwächen. Da ihn keine der vielen Konkubinen in seinem gigantischen Harem erregen konnte, löste er dieses Problem, indem er die unerreichbaren Töchter und Ehefrauen seiner Untergebenen entführte und vergewaltigte. Eine Eigenschaft, die ihn schlussendlich den Kopf kostete, als ihn ein auf Vergeltung gesinnter Mufti, der seine geschändete Tochter rächen wollte, strangulierte. Ibrahim wurde von seinem Sohn Mehmed abgelöst, der, angeblich aufgrund eines unangebrachten Witzes, die Wut seines Vater bereits als Kleinkind mittels eines Dolches im Gesicht zu spüren bekam. Netter Mann, aber zurück zum Harem.

One of the corridors connecting the buildings.

Ein Korridor zwischen den Gebäuden.

Blue tiles and a heavy door.

Blaue Fliesen und eine schwere Tür.

Da es verboten war, muslimische Frauen zu versklaven und in einem Harem einzusperren, stammten die meisten Frauen im Topkapi Palast aus fernen Ländern und waren weisse, christliche Mädchen, die entweder entführt oder gekauft wurden. Sie wurden im Alter zwischen fünf und sechzehn Jahren in den Harem gebracht und daraufhin im osmanischen Lebensstil und als zukünftige Dienerinnen des Sultans unterrichtet. Wurde eine von ihnen schwanger, wurde ihr Status sofort erhöht und sie erhielt eigene Diener und eine geräumigere Unterkunft. Die Aufstiegsmöglichkeiten der Konkubinen kannte keine Grenzen, sie wurden sogar Ehefrauen des Sultans und Mütter der Prinzen und konnten somit, mit genügend Geschick, zur mächtigsten Frau im osmanischen Reich aufsteigen. Das Leben im Harem war ungezwungen und einfach, die meisten Frauen vertrieben sich die Zeit mit Faulenzen, Spaziergängen, Bädern, Machtspielen und viel Tratsch und Klatsch. Einige von ihnen, genannt Mätressen, arbeiteten härter und waren für die Ausbildung der Neuankömmlinge verantwortlich. Die Frauen waren zwar Sklaven, lebten jedoch im puren Luxus.

A courtyard where the women could get some fresh air.

Ein Innenhof, wo die Haremsdamen frische Luft schnappen konnten.

Mit dem Fall des osmanischen Reiches gegen Ende des ersten Weltkrieges, trat dann auch das Ende des Harem-Zeitalters ein. Mit der neuen türkischen Republik, gingen auch so einige Reformen des neuen Präsidenten Atatürk einher, der Polygamie, das Einsperren der Frauen und sogar die Verschleierung verbot. Die Frauen wurden aus dem Harem entlassen, die meisten wussten jedoch nicht, was sie nun mit ihrem Leben ausserhalb des goldenen Käfigs anfangen sollten.

Der Topkapi Palast und der Harem können täglich (ausser Dienstags) zwischen 9 und 17 Uhr besichtigt werden. Eintritt in den Palast kostet 20TL, für den Harem werden zusätzliche 15TL verlangt.

Über den Autor

Tiffany is a Swiss travel writer, digital nomad, and photographer, who, after a fateful journey through Africa, has decided to get her passport renewed, sell all her junk, and live out of a suitcase in various corners of the world, as well as share the experiences with other travel enthusiasts. This blog is intended to inspire you to pack your bags, leave everything behind for a while, and make you go discover the world. Check her out on .

Hinterlasse eine Antwort

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.

CommentLuv badge