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„Wie heisst dein Esel?“

Die drei Mädchen kommen auf dem Rücken eines kleinen, braunen Esels angeritten, und sitzen auf einem Sattel, der aus kratzigem, bunten Stoff, Leder und Holzresten hergestellt wurde. Dieser wurde mit groben Seilen festgezurrt, die sich bei jedem kleinen, lebhaften Schritt des Tieres in den zottigen Bauch graben. Von den sechs baumelnden Füssen erreicht keiner die Steigbügel, trotzdem sitzen die drei mit perfekter Haltung und balancieren mit einer Expertise, die auf jahrelange Erfahrung hindeutet. Ab und zu haut das vorderste Mädchen den Esel mit einem langen Stock und schreit etwas auf Arabisch, während sie das baumelnde Seil am Halfter in die gewünschte Richtung zerrt.

Ich hingegen, operiere unter der Annahme, dass Zuckerbrot besser ist als die Peitsche. Dementsprechend trottet mein Esel, der wohl sein Leben längst aufgegeben hat, ohne mich auch nur im geringsten zu würdigen in schnöder Monotonie den Pfad entlang.

Leyla and I

„Ich glaube Leyla“, antworte ich und die Beduinenmädchen nicken anerkennend. Es ist ein guter Name. Die drei rattern auch noch ihre Namen runter, in fliessendem Englisch versteht sich, und wir beglückwünschen uns gegenseitig zu unseren wohlgeratenen Esel. Aber da hören die Höflichkeiten auch schon auf.

Nur ein verschmitztes Lächeln in ihrem schmutzigen Gesicht warnt mich davor, was Fatma gleich tun wird. Ich höre bloss noch die Luft pfeifen, als sie ihren Ast quer über den Hintern der armen Leyla pfeffert, dann flitzt der Esel auch schon Richtung Petra im staubigen Tal unter uns. Die drei Mädchen folgen in vollem Galopp, während sie wie die Irren kichern und etwas, dass sich wie „Haruan, Haruan!“ anhört rufen – wohl „schneller, schneller!“ im örtlichen Dialekt.

Ein paar hundert Meter weiter die Strasse runter, hat Leyla den Schock wohl verarbeitet und ich habe mich zum Sieger des unfreiwilligen Rennens erklärt. Während meine Gruppe zuerst noch aufholen muss, verabschieden sich die Mädchen auch schon in eine andere Richtung, um, wie sie mir mitteilen, Postkarten an Touristen zu verkaufen.

Landscape of brown rock and blue sky

Rugged landscape around Petra

cliffjumpingdonkeys2

Brendan, ich und unsere beiden Guides aus Aqaba, Ibrahim und Tareq, haben uns zum Ziel gesetzt, per Esel zu Haroun’s (Aaron’s) Grab zu trekken. Dieses steht ungefähr einen dreistündiger Eselritt entfernt auf dem höchsten Gipfel Petra’s und zwischen uns und dem Ziel liegen bis dahin nur noch felsige und zerklüftete Landschaften, die direkt einem alten Märchenbuch entsprungen sein könnten.

Schon kurz nachdem wir die Ruinen von Petra, die ersten morgendlichen Touristen und die verrückten Beduinenmädchen hinter uns gelassen haben, scheinen wir die einzigen Lebewesen in dieser Weite aus brauner Erde und blauem Himmel zu sein. Nur ein paar verblasste Sträucher und Bäume machen einen schwachen Überlebensversuch, ab und zu schaut uns ein Beduine misstrauisch aus seiner Höhlenwohnung an oder eine Karawane wird in die entgegengesetzte Richtung getrieben. Abgesehen davon, sind wir allein.

Nach dem kleinen Intermezzo mit Fatma und ihrem Stock, verläuft die erste Stunde im Sattel reibungslos und wir verbringen die Zeit damit, Witze über unsere störrischen Esel zu reissen und uns an der ständig verändernden Berglandschaft satt zu sehen. Obwohl alle Esel einigermassen dickköpfig sind, grenzt das Verhalten von Ibrahim’s Tier an selbstmörderisch. Mehrere Male trabt der Esel direkt auf eine Klippe zu, oder versucht, sich schnurgerade einen steilen Hügel runter aus dem Staub zu machen. Die Hilferufe werden mit Gelächter quittiert, während unser Beduinenführer jeweils dem dickköpfigen Tier hinterhersprinten und Rettungsversuche unternehmen muss.

cliff jumping with donkey

Cliff Jumping with donkeys

Als der Weg steiler wird, beginnt auch der Rest der Gruppe sich zunehmend unwohler zu fühlen. Der Pfad, der manchmal kaum noch als solcher zu erkennen ist, schlängelt sich fast senkrecht den Berg hoch und verschwindet hinter den Klippen in der Ferne. Der Weg besteht hauptsächlich aus glattem Felsen, rutschig unter den Hufen der Esel, und natürlichen Stufen im Stein, die zu hoch für die kleinen Tiere mit den kurzen Beinen erscheinen. Die Esel klettern jedoch wie die Ziegen höher und höher, während wir uns nur festhalten können und darauf hoffen, dass die Tiere nicht ausrutschen und mit uns von der Klippe stürzen.

Haroun's Tomb

Haroun's Tomb

Als wir den Gipfel auf 1350 Meter über Meer erreichen, sind die Esel schweissgebadet und wir steigen o-beinig und mit verkrampften Händen ab, um die letzten hundert Meter zu Fuss zurückzulegen. Nach der kurzen Wanderung den verbleibenden Teil der Klippe hoch, sehen wir eine weisse Kuppel im Sonnenlicht glitzern. Die Aussicht von Oben ist spektakulär und so weit das Auge reicht, sind nur die raue Schönheit der weiten Täler, der Gipfel und der trockenen, felsigen Erde unter der brennenden, jordanischen Sonne zu sehen.

Wir steigen den Berg auf die gleiche Art runter, wie wir hoch gekommen sind: festgeklammert an den Satteln, manchmal mit geschlossenen Augen und geballten Händen, während die Esel wieder mal einen Meter in die Tiefe springen müssen. Aber wir fühlen uns bereits wohl auf den zottligen Tieren und als wir Petra wieder erreichen, hat sich Brendan in einen echten Beduinen verwandelt. „Heroin, Heroin!“, ruft er – seine eigene Interpretation des arabischen Wortes – und rennt mit seinem Esel durch die antiken Ruinen wie ein verrückter Süchtiger auf der Suche nach Drogen. Ich folge mit Leyla, die nun endlich meinen Befehlen zu gehorchen scheint, und wünsche mir trotz schmerzlichem Hintern und wunden Knien, dass der Tag noch nicht zu Ende ist.

Über den Autor

Tiffany is a Swiss travel writer, digital nomad, and photographer, who, after a fateful journey through Africa, has decided to get her passport renewed, sell all her junk, and live out of a suitcase in various corners of the world, as well as share the experiences with other travel enthusiasts. This blog is intended to inspire you to pack your bags, leave everything behind for a while, and make you go discover the world. Check her out on .

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