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Mitten in der Schweiz am Vierwaldstättersee und umgeben von eindrucksvollen Bergen, liegt eine kleine, unscheinbare Wiese, wo 1291 neun Finger die Schweiz gründeten. Die drei Vertreter Arnold von Melchtal, Walter Fürst und Werner Stauffacher aus den Kantonen Uri, Schwyz und Unterwalden (heute Nid- und Obwalden) schlugen sich zu diesem historischen Fleckchen Erde durch, erhoben jeweils drei Finger zum Schwur und gelobten feierlich, die Habsburgischen Besetzer mit Mistgabeln und Fackeln aus dem Land zu jagen. Hätte prinzipiell so sein können, denn was die da genau besprochen und geschworen haben, weiss niemand so richtig und ein Grossteil des Nationalmythos um den Rütlischwur, basiert auf Legenden oder Schillers Wilhelm Tell. Auf jeden Fall ist das Stückchen Gras am See so unscheinbar, dass Bundesrat Ueli Maurer, als es ihn eines Tages angurkte für die Festlichkeiten zum Nationalfeiertag da hinzupilgern, sie liebevoll als „nur eine Wiese mit Kuhdreck“ bezeichnete und damit einen kleineren Skandal auslöste.

Maurer ist jedoch nicht der einzige mit fehlendem Nationalstolz bezüglich des Rütlis. Die Eidgenossen kümmern sich allgemein Recht wenig um die Gründungsstätte der Schweiz und es gibt wohl kein anderes Land, dass einen Ort von so grosser nationaler Bedeutung von Kühen verscheissen lässt und nur per Schiff zugänglich macht.

Aussicht vom Rütli

Ich beschliesse also, einen wunderschönen Sommertag zu nutzen, um mir vor Ort selber ein Bild über die besagte Kuhweide zu machen und besteige in Luzern eines der historischen Dampfschiffe. Wäre es auf diesem Boot nicht so unglaublich voll – anscheinend war ich nicht die einzige mit der Idee – wäre die 2-stündige Überfahrt sicherlich etwas angenehmer gewesen. Die verschiedenen Wandergruppen, Touristen und sonstigen kuriosen Leute, stellen für mich jedoch eine endlose Quelle an Unterhaltung dar. Eine Gruppe ganz besonders: Da trägt doch tatsächlich ein Typ ein Kuheuter auf dem Kopf und eine ältere Dame hat einen Hut aus Jasskarten auf. Die ganze Truppe trägt Trachten und Shirts mit Schweizerkreuz, schwenken Bierflaschen und Fahnen und fallen über einander, andere Passagiere und beinahe von Bord. Langsam aber sicher kommt auch bei mir Stimmung auf.

steam boat on lake lucerne

Zwei Stunden und einen Sonnenbrand später, nähert sich mein Schiff einer kleinen Anlegestelle mit Holzhütte. Trotz des überfüllten Dampfschiffes gehen lediglich rund 30 Leute von Bord und machen sich den Weg hoch zur berühmten Wiese. Die Stille wird nur gebrochen vom bereits minutenlang dauernden schrillen Wutanfall eines Kleinkindes, dass von der frustrierten Mutter den steilen Wanderweg hinaufgezerrt wird und mit Händen und Füssen um sich schlägt. Ich überhole den Machtkampf und ein paar kopfschüttelnde Rentner und stapfe entschlossen und voller Erwartungen bergwärts.

Ein paar wenige Leute wandern eher lustlos über die grüne Grasfläche, posieren vor einer Fahnenstange oder picknicken im kühlen Schatten einiger Bäume. Kuhfladen sehe ich keine, aber ich fühle mich trotzdem irgendwie enttäuscht. Ich weiss ja nicht, was ich erwartet habe. Ein Alphornkonzert, während Fahnenschwinger vor der Kulisse dunkler Berge ihre Kunst vorführen und Frauen in alten Trachten ein Ständchen jodeln? Tatsächlich ist die Natur das eindrucksvollste am Rütli. Die Wiese ist eingebettet zwischen hohen Bergen und dunklen Tannen und unterhalb glitzert das Blau des Vierwaldstättersees in der Sonne. Es ist ruhig, keine Busladungen voller Touristen ruinieren das friedliche Bild, niemand macht Fotos mit iPads und die meisten Besucher sind Einheimische, die kurz über die Wiese wandern und schlussendlich auf ein kühles Bier in der Rütlibeiz landen.

the Rütli meadow and boat pier

Über den Autor

Tiffany is a Swiss travel writer, digital nomad, and photographer, who, after a fateful journey through Africa, has decided to get her passport renewed, sell all her junk, and live out of a suitcase in various corners of the world, as well as share the experiences with other travel enthusiasts. This blog is intended to inspire you to pack your bags, leave everything behind for a while, and make you go discover the world. Check her out on .

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