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Als im Jahr 1994 ein Erdbeben Los Angeles mitten in der Nacht aus dem Schlaf riss und einen stadtweiten Stromausfall verursachte, rannten die Bewohner der Megametropole aus ihren Häusern um sich vor möglichen einstürzenden Gebäuden in Sicherheit zu bringen. Nachdem sie jedoch den Nachthimmel erblickten, riefen viele von ihnen besorgt Rettungsdienste und Sternwarten an, um eine unheimliche, silberne Wolke im Himmel zu melden. Das leuchtende Band am Firmament, das den Bewohnern von Los Angeles so viel Angst einflösste, war natürlich keine Invasion der Ausserirdischen sondern einfach nur die Milchstrasse.

Was für unsere Grosseltern noch selbstverständlich war, wird also heute eher als ausserirdische Bedrohung angesehen. Wie konnte das passieren?

Der mit Sternen gefüllte Nachthimmel ist etwas, was viele Menschen seit Edisons Glühbirnen die erste Strasse in New York erleuchteten langsam verloren haben. Überall, von Megametropolen bis hin zu kleinen Bergdörfchen, haben Strassenlaternen den einst ausreichenden Schein des Mondes ersetzt und Strassen breiten ihre leuchtenden Tentakel über die Welt aus und verbinden Häuser, Dörfer und Städte. Grosse Teile des Planeten haben sich in ein gleissendes Raster verwandelt um die angsteinflössende Dunkelheit zu vertreiben und für Verkehrsteilnehmer und Passanten mehr Sicherheit zu gewähren, aber auch Büros und Läden lassen Tag und Nacht das Licht an und Werbetafeln verkünden rund um die Uhr ihre grell-blinkenden Mitteilungen. Indem wir mit Kunstlicht die Nacht zum Tag gemacht und die Welt in ein Meer aus Licht und Aktivität verwandelt haben, haben wir jedoch auch die Schönheit der Sterne verloren. Eine Studie behauptet sogar, dass zwei Drittel der Menschheit die Milchstrasse nicht mehr sehen kann.

Dark night sky and star trails in Jasper National Park

Star Trails über Jasper.

Das Dark Sky Festival in Jasper

Eine ähnliche Frage wurde am Dark Sky Festival in Jasper gestellt: wie viele Kinder, die heute in Städten aufwachsen, haben noch nie die Milchstrasse gesehen? Wahrscheinlich gibt es darauf keine exakte Antwort, die Frage hat jedoch so einige von uns zum Nachdenken angeregt. Ich selber bin in Zentraleuropa aufgewachsen, in einer Gegend, wo im Laufe der letzten Jahrzehnte kleine Dörfchen zu endlosen urbanen Zentren zusammengewachsen sind. Als Kind habe ich Star Wars geschaut, bis ich die Filme beinahe auswendig aufsagen konnte, aber habe selber nie weit genug von Strassenlaternen, Verkehr und Häusern gelebt, um mehr als nur einige wenige Punkte im Himmel erkennen zu können.

Vor kurzem war ich in der Gobi Wüste in der Mongolei unterwegs, wo nur ein paar Nomadenfamilien mit ihren Herden in Jurten leben und die Nächte noch gänzlich schwarz sind. Die Wahrheit ist jedoch, dass der dunkle Nachthimmel nicht nur auf kaum bevölkerte Graslandschaften am anderen Ende der Welt beschränkt ist (oder sein muss). Der Jasper National Park zum Beispiel ist das zweitgrösste Sternenlichtreservat der Welt, und das obwohl sich der Park nur vier Stunden von den Grossstädten Calgary und Edmonton entfernt befindet und selber ein gut besuchtes Touristenziel mit geschäftigem Dörfchen, Hotels und Strassen ist. Hier ist der Nachthimmel quasi geschützt, genauso wie in rund 40 weiteren Sternenlichtreservaten rund um die Welt.

Ich bin also nach Jasper gereist, um wieder einmal komplette Dunkelheit zu sehen und wurde nicht enttäuscht. Als sich der aufgezogene Schneesturm für einige Stunden lichtete, konnte ich die Sterne beinahe so hell wie in der Mongolei leuchten sehen. Das Event hatte aber noch andere Highlights, vom ehemaligen Astronauten Chris Hadfield, der über seine Erlebnisse auf der Internationalen Raumstation erzählte und dem Moderator Jay Ingram, der lustige Kommentare zu alten Science Fiction Filmen lieferte bis hin zu Kindern, die ihre eigenen Raketen abfeuern durften. Astronomen von der Royal Astonomical Society of Canada waren mit Teleskopen und viel Wissen zur Stelle und Parks Canada informierte darüber, wie Jasper damit beschäftigt ist auch noch die letzten alten Strassenlampen zu ersetzen. Ein totaler Erfolg also.

Chris Hadfield in Jasper

Chris Hadfield erzählt über seine Erlebnisse im Weltraum.

Female bighorn sheep in the snow - Jasper National Park.

Ein weibliches Dickhornschaf im Schnee – Jasper National Park.

“Gib’s zu, das ist doch gephotoshopt!”

Chris Hadfield hat es am Dark Sky Festival erwähnt, tatsächlich leben wir noch nicht alle auf dem hell erleuchteten Grid und weite Teile des Planeten sind stattdessen noch völlig dunkel, allen voran natürlich die Ozeane und kaum bevölkerten Teile der Welt. Ich habe einige dieser Zufluchtsorte des Nachthimmels besucht, Orte weit weg von Lichtverschmutzung und Zersiedelung, und habe dort selber versucht die Sterne zu fotografieren. Obwohl die Reaktionen auf diese Fotos beinahe durchgehend positiv waren, entdeckte ich doch einen Trend in den Kommentaren, die entweder komplettes Staunen oder totale Ungläubigkeit ausdrückten.

Der Nachthimmel in der Mongolei

Der Nachthimmel in der Mongolei

“Spektakulär”, “sensationell”, “magisch” waren häufig verwendete Ausdrücke. Einige der Kommentatoren war hingegen fest davon überzeugt, dass ich die Bilder eindeutig gephotoshopt habe und doch endlich meine üblen digitalen Betrügereien zugeben solle.

Nein liebe Leute, der Himmel sieht tatsächlich so aus wenn man mal die gigantische Wucht der ganzen Lichtverschmutzung entfernt.

Ich bin der Meinung, dass jeder die Gelegenheit erhalten sollte, nach draussen zu gehen und die Milchstrasse so zu sehen, wie ich sie in meinen Fotos darstelle. Wir alle sollten die Nebel, die sich um die Sterne winden und die vielen Konstellationen erkennen können. Die Milchstrasse sollte nicht etwas sein, dass man ab und zu mal im Internet sieht und dabei denkt, dass das Ganze doch von den bösen Fotografen bis zur Unkenntlichkeit nachbearbeitet ist.

Jasper at night from the sky tram

Die Sky Tram Station: Oben die Sterne, unten das Leuchten von Jasper.

Was passiert, wenn sich Licht in Verschmutzung verwandelt?

Studien haben gezeigt, dass Lichtverschmutzung ernste Auswirkungen auf unsere Gesundheit haben kann, von Schlafstörungen bis hin zu Brustkrebs. Aber nicht nur wir Menschen sind vom Lichtsmog betroffen, sondern das Verschwinden der Sterne hat auch verheerende Auswirkungen auf nachtaktive Organismen, wie zum Beispiel auf viele Vögel, die sich an diesen Punkten im Himmel orientieren. Tausende Zugvögel werden täglich von hell erleuchteten Gebäuden in die Irre geleitet, fliegen in Glasscheiben und brechen sich das Genick. Frisch geschlüpfte Meeresschildkröten finden den Weg ins Meer nicht mehr und nachtaktive Tiere zeigen durchs Band Besorgnis erregende Verhaltensänderungen.

Lichtverschmutzung ist also nicht nur völlig unnötig und ungesund, sondern auch noch unglaublich teuer. Die International Dark-Sky Association in Tuscon, Arizona hat zum Beispiel berechnet, dass die USA jährlich 2 Milliarden Dollar an unnötige Beleuchtung verschwenden.

Wir haben vielleicht vorübergehend die Fähigkeit verloren die Magie vor unseren Augen zu sehen, aber der Nachthimmel kann zurückerobert werden. Die Reduktion von Lichtverschmutzung beginnt mit uns allen! Schalte Verandalampen ab und installiere Dimmer bei dir Zuhause. Schalte das Licht aus wenn du das Büro verlässt und werde in deiner Gemeinde aktiv. Und, wenn du mal in der Gegend bist, besuche das Dark Sky Festival in Jasper und mach dir selber ein Bild davon, wie der Nachthimmel so ganz ohne Lichtverschmutzung aussehen kann.




4 Responses

  1. Patrick

    Hi Tiffany,
    ich kann gut nachvollziehen wie es dir in der Mongolei gegangen ist.
    Das erste Mal habe ich die Milchstrasse in Südafrika sehen können. Ich war total fasziniert wie viele Sterne es doch da am Himmel gibt. Der Nachhimmel in Mitteleuropa ist selbst bei total klarer Nacht kein Vergleich dazu.

    Von Lichtverschmutzung hatte ich zuvor noch nie was gehört. Leider glaube ich nicht, dass sie da viel dagegen machen lässt. Es sind ja nicht mal Länder wirklich bereit dazu ihren CO2 Ausstoss zu reduzieren…
    Und die Fotos sind wirklich wunderschön!
    Patrick
    Patrick recently posted…Der Weg in die Berge des Shan-Staat (Myanmar Trekking I)My Profile

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    • Tiffany

      Danke Patrick! Naja, die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt und solange wir alle ein kleines Bisschen zur Rettung des Nachthimmels beitragen verschlimmert sich die Situation hoffentlich zumindest mal nicht.

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  2. Carina

    Auch in Deutschland, nur eine knappe Stunde von Berlin entfernt, gibt es den ersten Sternepark in Deutschland! In dem kleinen, unbedeutenden Dorf Gülpe (wo meine Uni Potsdam ihre Ökologische Außenstation hat) kann man die Milchstraße fast so gut wie in der Kalahari sehen!
    Also, falls du noch mal tolle Sterne fotografieren willst und nicht extra dafür über den großen Teich fliegen willst, komm einfach mal nach Brandenburg 😉 Es lohnt sich!
    Liebe Grüße, Carina
    Carina recently posted…Das letzte Bad – Ein Lost Place in BerlinMy Profile

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    • Tiffany

      Ui wie toll ist das denn! Ich habe immer gedacht, dass man in Mitteleuropa total in die Berge muss um immerhin ein paar Sternchen zu sehen. Vielen Dank für den Tipp, werde da beim nächsten Deutschland-Trip bestimmt hin 🙂

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