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Eine meiner frühesten Erinnerungen beinhaltet, wie ich immer und immer wieder von einem Skilift falle. Da ich mit der dicken Winterausrüstung und den langen Brettern an den Füssen nicht viel mehr als auf dem Boden rumzappeln konnte, musste ich jeweils warten, bis mein Vater mich hochhob und wieder auf die Beine stellte. Ich bin in der Nähe der Schweizer Alpen aufgewachsen und mir wurden daher schon kurz nachdem ich Laufen gelernt hatte, die ersten Skier angeschnallt. Eigentlich muss man weit suchen, um einen Schweizer zu finden, der nicht schon als Kind auf irgendeine Weise einen Wintersport ausübte.

Mit der einsetzenden Pubertät ein paar Jährchen später, hab ich mich dann plötzlich fürs Snowboarden interessiert. Ihr wisst schon, all die coolen Kinder und die Jungs hatten eines und ich beschloss das zu tun, was jeder hormongetriebene Teenager in dieser Situation getan hätte: Ich tauschte meine zwei Bretter gegen ein Brett. Also versuchte ich mich für einige Zeit im Snowboarden, war aber nicht sonderlich gut darin und entschied nach zwei Jahren, dass das Ganze doch nichts für mich ist. Die Geschwindigkeit und die Kompetenz die mir die jahrelange Erfahrung im Skifahren gab, gaben mir einen solchen Kick, dass ich mir diesen Nervenkitzel nicht mehr entgehen lassen konnte. Ich stieg also wieder auf zwei Bretter um.

Zehn Jahre nachdem ich mein Snowboard in einem staubigen Ecken meines Kellers in den Ruhestand geschickt hatte, beschliesse ich, das mit dem Boarden doch noch mal zu probieren. In einer Wüste in Namibia, eine halbe Welt von den schneebedeckten Gipfeln meiner Heimat entfernt. Während ich mich für Sandboarding anmelde, bin ich noch ziemlich zuversichtlich. Schliesslich können Sand und Schnee nicht so verschieden sein oder?

The dunes around Swakopmund, Namibia

Sechs von uns brechen in einem kleinen Minibus, etwa in der Mitte des Vormittags, zu den Dünen auf. Die Dünen selbst sind schon ein unvergesslicher Anblick. Sie backen unter der starken namibischen Sonne in Farben von gelb bis rot, während die Stadt Swakopmund und das Meer in der Ferne schimmern.

Um überhaupt Sandboarden zu können, müssen wir allerdings zunächst zu Fuss die steilen Hänge der Dünen erklimmen. Von unten gesehen, scheint die Wanderung auf die grossen Sandhügel noch machbar, aber schon nach wenigen Schritten muss ich mein vorschnelles Urteil revidieren. Die schweren Stiefel und das Snowboard drücken mich nach unten und ich versinke mit jedem Schritt tief im Sand. Es ist ein ständiger Kampf gegen eine gleitende Masse von Orange und der Fortschritt ist langsam und mühsam.

Wir blicken sehnsüchtig auf ein paar Quads, die sich in der Ferne gegeneinander ein Rennen liefern, und wünschen, dass auch wir einen solch mühelosen Transport die Dünen hoch hätten. Schliesslich belohnt uns jedoch die atemberaubende Aussicht von ganz oben für den harten Kampf der letzen 15 Minuten.

Tiffany sand boarding

Nachdem ich mein etwas in Mitleidenschaft gezogenes Snowboard sorgfältig mit einer Schicht Wachs überzogen habe, schnalle ich mir das sperrige Ding an die Füsse und wackle ein wenig herum. Ich versuche wieder ein Gefühl für die Handhabung zu bekommen, muss aber zugeben, dass ich mich alarmierend unsicher auf dem Ding fühle. Immerhin bin ich schwierige, fast senkrechte Pisten gewohnt und mich beunruhigt die steile Neigung der Sanddüne nicht. Ich beschliesse einfach mal loszufahren und auszuprobieren.

Bereits in meiner ersten Kurve mache ich einen spektakulären Kopfsprung in die Düne. Während mir so der Sand zwischen den Zähnen knirscht und sich in meiner Unterwäsche ausbreitet, entscheide ich, dass Kurven sowieso nichts für mich sind und fahre einfach geradeaus nach unten. Für die drei nachfolgenden Läufe und die unvermeidlichen Wanderungen zurück nach oben, halte ich an dieser Strategie fest. Schliesslich setzt langsam die Erschöpfung ein und ich lasse mich in den Sand plumpsen. Wir sind alle bereit für mehr Geschwindigkeit.

Tiffany on the magic carpet

Es werden also die fliegenden Teppiche verteilt. Einer nach dem anderen legen wir uns auf die grossen Bretter, ziehen die Vorderseite mit beiden Händen nach oben, halten die Ellbogen raus und stossen ab. Auf halbem Weg befindet sich eine kleine Erhebung, vor der wir – so versichert man uns – nichts zu befürchten haben. Ein wenig weiter unten steht ein Kerl mit einem Geschwindigkeitsmesser. Unmittelbar nach meiner Abfahrt merke ich, dass ich bereits extrem schnell unterwegs bin und im Bruchteil der Sekunde bevor ich abhebe, bin ich ein bisschen besorgt.

Dann bin ich in der Luft und knalle auf der anderen Seite der Erhebung wieder auf Sand. Ich schlittere noch hundert Meter weiter, falle kurz bevor ich komplett abbremsen kann auch noch runter und, nachdem das Adrenalin nachlässt, fühle ich mich als währen meine Arme soeben mit Sandpapier bearbeitet worden. Der Typ mit dem Geschwindigkeitsmesser schreit, dass ich sage und schreibe 72 km/h erreicht habe. Wow!

Mit meinem fliegenden Teppich unter dem Arm breche ich wieder zum langen Marsch die Düne hoch auf und schaue dabei zu, wie die anderen Mitglieder der Gruppe nach unten flitzen. Brendan vollzieht einen spektakulären Sprung und wir feuern alle fleissig an. Erst als er ebenfalls wieder die Spitze der Düne erreicht, bemerken wir, dass sein Gesicht blutverschmiert ist. Er hat sich an der Kante des Brettes die gesamte Oberlippe aufgeschlagen. Sofort packen alle ihre Kameras aus und beginnen fasziniert Fotos von der klaffenden Wunde zu schiessen. Eigentlich ist es wie ein Zugunfall. Man weiss, dass es moralisch nicht ganz koscher ist zu starren, kann aber einfach nicht wegschauen.

Später trifft sich die Gruppe zum gemeinsamen Abendessen und Brendan zeigt sich frisch zurück aus der Arztpraxis, mit ein paar Stichen mehr und einem Pflaster, das wie ein Hitlerbart aussieht. Wir amüsieren uns bestens und ich füge an, dass die Damen doch eigentlich Narben mögen. Kommt Frauen, gebt es zu, ich liege richtig.

Lest Brendans Sicht dieses Abenteuers drüben auf seinem genialen Blog

Über den Autor

Tiffany is a Swiss travel writer, digital nomad, and photographer, who, after a fateful journey through Africa, has decided to get her passport renewed, sell all her junk, and live out of a suitcase in various corners of the world, as well as share the experiences with other travel enthusiasts. This blog is intended to inspire you to pack your bags, leave everything behind for a while, and make you go discover the world. Check her out on .

2 Responses

  1. Manuela

    Die Bilder sind genial. Und klingt auch nach ner Menge Spaß, obwohl ich hoffe das irgendwann mal ohne Verletzungen machen zu können 😉

    LG
    Manuela

    Reply

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