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Ich hatte total Mühe, etwas gescheites über Sarajevo zu schreiben. Meine fünf Tage in Sarajevo waren ein Wirbelwind aus Aktivitäten, Impressionen und Emotionen, die in meinem Kopf das absolute Chaos veranstalteten und es mir nicht einfach machten, das Erlebte in Worte zu fassen. Und zu erzählen gibt es viel: vom Multikulturalismus, über die extreme Freundlichkeit der Einheimischen, die schönen Aussichten und die immer präsenten Spuren eines schrecklichen Krieges.

Eine unglaubliche Stadt – aber wo sind all die Touristen?

Sarajevo scheint vom Radar des Durchschnittsreisenden schlicht und einfach nicht erfasst zu werden. Auch ich hatte, bevor ich mich für diesen Abstecher auf meiner InterRail Reise entschied, nicht viel über die Hauptstadt von Bosnien und Herzegowina gehört. Niemand hat je zu mir gesagt “Sarajevo, da musst du hin!”, es gab keine der sonst üblichen Empfehlungen und Schwärmereien und niemand bestand darauf, dass mein Leben ohne einen Besuch in Sarajevo nicht komplett wäre. Ich hatte lediglich einige schwummrige Erinnerungen aus meiner Kindheit, von Abenden, die vor dem Fernseher mit der Mitverfolgung des Bosnienkrieges in den Nachrichten verbracht wurden.

Obwohl es Sarajevo sicherlich auf so einige Top-10 Listen der etwas weiter gereisten Individuen unter uns geschafft hat und von foXnoMads als “best city to visit 2012” bezeichnet wurde, fehlen der Stadt doch diese Menschenmassen, welche die bekannteren Hauptstädte Europas vor allem zu Zeiten der Hauptsaison unsicher machen. Wenn man es gerne etwas ruhiger und gemütlicher mag, aber trotzdem was erleben will und gerne im Zentrum des Geschehens ist, ist Sarajevo daher das perfekte Reiseziel. Trotz dieses Gegensatzes, ist dies für mich in Sarajevo kein Widerspruch.

Pigeon Square, Sarajevo

Eine Szene auf dem Baščaršija Platz in der osmanisch angehauchten Altstadt von Sarajevo.

View over Sarajevo

Eine Fahrt durch die Hügel von Sarajevo.

Obwohl ich meine Liebe zu dieser Stadt schon kurz nach der Ankunft ausgerufen hatte, basierte mein Besuch auf Zufall. Ich habe damals auf eine Karte geschaut und kurzentschlossen entschieden, dass diese Stadt wohl einen Abstecher wert sein könnte. Ich hätte viele andere Routen wählen können, hatte jedoch eine gewisse Vorahnung, dass ich die Stadt mögen würde – und sei es bloss dank der Abwesenheit riesiger Menschenmassen und von überbewerteten Sehenswürdigkeiten, die einem das Geld aus der Tasche ziehen. Ich wollte sehen, was aus dieser zerbombten Stadt aus meinen Kindheitserinnerungen geworden ist.

Landminen, eine verlassene Bobbahn und Graffiti – eine Reise auf den Trebevic Berg

Sarajevo war schlussendlich sogar noch besser als erwartet und ich hatte Glück: Tim Clancy, ein Amerikaner mit langjährigem Wohnsitz in Sarajevo, stellte sich als hilfsbereiter Guide zur Verfügung. Er brachte mich nicht nur bis zur Grenze zu Montenegro, um mir den Via Dinarica Wanderweg zu zeigen, sondern verbrachte die folgenden Tage damit, mit mir den Trebevic Berg hoch zu fahren, bei Drinks in der Stadt fleissig Tipps zu geben und mich in Gebiete zu bringen, in die ich sonst wohl nie gelangt wäre.

The old cable car station

Die Luftseilbahn war eine beliebte Verbindung zwischen dem Stadtzentrum von Sarajevo und dem Trebevic Berg, wurde jedoch während des Bosnienkrieges komplett zerstört.

Destroyed building

Das Innere der zerstörten ehemaligen Luftseilbahn-Station.

Trebevic liegt südöstlich von Sarajevo und wurde für die olympischen Spiele von 1984 für so einige Disziplinen, unter anderem den Bob, genutzt. Während Trebevic früher ein beliebter Rückzugsort und Wochenendausflugsziel für die Bewohner Sarajevos war, macht sich heute kaum jemand die Mühe, den Berg zu besuchen. Anfang der 1990er, nur wenige Jahre nach den olympischen Spielen, wurde Trebevic während der Belagerung von Sarajevo als Schlüsselposition von den Serben gehalten und als Folge daraus stark vermint. Obwohl die Region anschliessend grundsätzlich von Minen geräumt wurde, ist es trotzdem auch heute immer noch ratsam, die Strassen nicht zu verlassen und der Berg konnte seine frühere Popularität nie wiedergewinnen. Die Infrastruktur wurde komplett zerstört und die Luftseilbahn vor langer Zeit geschlossen. Alles was bleibt, sind die alte Bobbahn und die Ruinen der olympischen Bauten und der Seilbahnstation.

Auf den Berg zu kommen, ist als Reisende ziemlich schwierig. Obwohl man vom Trebevic wunderbare Aussichten auf Sarajevo geniessen kann, ist der Berg doch ein gutes Stück von der Stadt entfernt und seit der Zerstörung der Seilbahn stehen auch keine öffentlichen Verkehrsmittel mehr zur Verfügung. Die einzigen Optionen sind, entweder hoch zu wandern, ein Taxi zu nehmen oder bei einem Einheimischen mitzufahren. Ich war froh, Tim und seinen Jeep dabei zu haben, da dieser durchaus bereit war, auf den verlassenen Strassen auf Entdeckungstour zu gehen.

Bobsled track on Trebevic

Unterwegs auf der Bobbahn – die Künstler konnten sich hier am Beton auslassen, die Bahn ist komplett zugesprayt.

Tim brachte mich zur Bobbahn, die sich versteckt durch die Wälder von Trebevic schlängelt. Sie ist von oben bis unten mit bunter Graffiti besprayt und kann auch komplett abmarschiert werden – die lokale Jugend geht hier sogar manchmal Biken oder Skaten. Ich habe den Spaziergang genossen und die ganze Kunst entlang der Strecke bewundert. Der Ausflug war sicherlich einer der Höhepunkte meines Aufenthaltes, jedoch sind die Überreste des Krieges überall präsent: alle paar Meter haben Scharfschützen Löcher in den Beton gemeisselt und die Einschusslöcher übersähen die Bobbahn wie die Löcher einen Schweizer Käse.

Sniper hole in the bobsled track

Scharfschützen-Loch und Graffiti.

View from Trebevic

Aussicht vom Trebevic Berg auf Sarajevo und eine kleine Erhebung. Diese Erhebung war im Krieg hart umkämpft und wurde schlussendlich komplett vermint. Die Landminen sollten theoretisch weg sein – trotzdem würde sich niemand, der noch alle Tassen im Schrank hat, dort unten auf einen Spaziergang begeben.

Osmanische Minarette und österreichisch-ungarische Kirchen

Es ist nicht nur die Natur, die in und um Sarajevo ziemlich spektakulär ist – die Stadt selber hat ebenfalls viel zu bieten. Nach nur einem Tag in Wien, war ich so gelangweilt, dass ich wieder weg wollte; nach fünf Tagen in Sarajevo, konnte ich hingegen immer noch nicht genug kriegen. Die Stadt ist lebendig und scheint den Multikulturalismus wie keine Zweite zu beherrschen. Nur schon das Spazieren in den Strassen macht Spass: ältere Herren, die eine Partie Schach spielen, die Hookah-Raucher, die sich auf ihren Sesseln ausgebreitet haben und an ihren Rakia Gläsern nippen, und die Passanten, welche ihre Köpfe in die vielen Geschäfte – von Luxusshops bis hin zu arabisch angehauchten Krimskrams-Läden – stecken. Muslime, Christen und Juden leben und beten nebeneinander, während die Muezzine von den Minaretten rufen und die Kirchenglocken in den Strassen erklingen. Die Stile der Gebäude reichen von osmanisch und österrechisch-ungarisch über kommunistisch bis hin zu modern – manchmal fühlt man sich, als wäre man mitten im chaotischen Istanbul, während man nur eine Strasse weiter in Wien die hübsche Architektur betrachtet. Es ist schwierig, eine solch vielfältige und multikulturelle Stadt zu finden, die trotzdem friedlich und angenehm ist. Sarajevo beherrscht dies jedoch perfekt und obwohl die Stadt eine Hauptstadt ist, ist sie dennoch unglaublich gemütlich geblieben – ein Charakterzug, der vielen der gehetzten und grauen Grossstädte Europas fehlt.

church and chess in Sarajevo

Ein Schachspiel vor der orthodoxen Kirche in Sarajevo.

minaret in sarajevo

Ein Minarett ragt in den Himmel.

people in Sarajevo

Ladenbesitzer in der Altstadt.

the bishop of Bosnia

Ein Bischoff von Bosnien und Herzegowina und sein Gefolge betreten die Kathedrale für die Sonntagsmesse.

Erinnerungen an den Bosnienkrieg

Wenn ich nicht gerade durch die Strassen zog und Fotos machte, habe ich einige von Sarajevo’s Sehenswürdigkeiten abgeklappert – viele davon Erinnerungen an den Bosnienkrieg. Es ist schwierig, den Zeichen des Krieges, der die Stadt vor nur 20 Jahren zerstörte, zu entkommen – die Hinterlassenschaften des Konfliktes sind physisch und psychisch immer noch präsent. Ich bin daher zum Tunnel Museum rausgefahren, wo die Bewohner von Sarajevo einst einen 340m langen Tunnel unter der Startbahn des Flughafens gruben, der dann als einzige Versorgungslinie in die komplett umzingelte Stadt diente. Es ist beeindruckend zu sehen, wie ein Loch im Boden eine ganze Stadt mit dem Notwendigsten versorgen konnte und auch selber durch den engen Gang hindurchgehen zu können, wie so viele vor mir in schrecklicheren Situationen. Ohne den Tunnel, wäre Sarajevo wohl den Serben in die Hände gefallen und Bosnien könnte heute ganz anders aussehen. Das Museum zeigt auch Bilder und Zeitungsartikel der Kriegszeiten, sowie einige Ausrüstungsgegenstände wie Uniformen und Waffen, bis hin zu Wagen und Kerzen. Es fühlt sich etwas improvisiert und selbstgemacht an und nur 25 Meter des Tunnels sind zugänglich, aber das Museum ist definitiv einen Besuch wert.

the tunnel

Der Tunnel unter der Startbahn.

Ein weiteres Muss ist die Galerie, welche dem Massaker von Srebrenica gedenkt – ein herzzereissender Ort, der jedoch unglaublich gut umgesetzt ist. Da viel Video Material, wie Interviews mit Überlebenden und ein BBC Film, vorhanden ist, nimmt die Galerie sicherlich mehr Zeit in Anspruch als das Tunnel Museum. Die Fotos über das Kriegsverbrechen, bei dem über 8000 Menschen ihr Leben verloren machen einfach nur sprachlos.

the Srebrenica massacre gallery

Die Haupthalle der Galerie.

the Srebrenica massacre gallery

Fotos in der Galerie.

the Srebrenica massacre gallery

Eines meiner Lieblingsfotos in der Galerie, welches den Verrat der Vereinten Nationen darstellt, die damals Flüchtlinge vom UN-Gebäude vertrieb und in den sicheren Tod schickte. Die Vereinten Nationen wollten keine Gewalt gegen die Serben anwenden.

Über den Autor

Tiffany is a Swiss travel writer, digital nomad, and photographer, who, after a fateful journey through Africa, has decided to get her passport renewed, sell all her junk, and live out of a suitcase in various corners of the world, as well as share the experiences with other travel enthusiasts. This blog is intended to inspire you to pack your bags, leave everything behind for a while, and make you go discover the world. Check her out on .

2 Responses

  1. Ewald

    Sehr eindrücklicher Bericht, der auch immer noch betroffen macht. Es herrschte mitten in Europa Krieg und alle schauten weg. Die UNO hat ein Trauerspiel hinterlassen und den Tod von tausenden unschuldiger Opfer zu verantworten!

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    • Tiffany

      Definitiv ein unglaublich beeindruckender Ort mit einer traurigen Geschichte, ich hoffe ihr werdet Sarajevo in nächster Zeit auch mal besuchen. Ein absolutes Muss 🙂

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