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Wir alle kennen das Gefühl: man ist erschöpft, gerade erst nach Hause gekommen, das Wetter ist schlecht und das allerletzte was man jetzt tun möchte, ist raus zu gehen und Fotos zu schiessen. Damit kämpfe ich eigentlich ständig. Ich bin 365 Tage im Jahr unterwegs und verbringe oft viele lange Stunden damit, an einen bestimmten Ort zu reisen. Wenn ich dort endlich ankomme bin ich müde, dreckig und hungrig und dann muss ich auch noch während der möglichst idealen Zeit – der goldenen und blauen Stunde – raus und fotografieren, während alle anderen im Hostel essen oder drinnen mit warmem Tee und einer Decke auf dem Sofa kuscheln und einen Film schauen.

Ich muss aber sagen, dass ich es im Nachhinein noch nie bereut habe, dass ich zum Fotografieren nochmals nach draussen gegangen bin. Darum zeige ich euch mal drei Aufnahmen, die alle wunderschön sind, aber unter erschöpfenden und miserablen Bedingungen entstanden sind. Diese Fotos haben meine Einstellung verändert und motivieren mich immer wieder dazu, nicht im Selbstmitleid zu versinken und stattdessen einfach die Kamera und das Stativ zu schnappen und raus zu gehen. Ich hoffe, sie werden auch euch inspirieren.

Location: Der Kirkjufell Berg auf der Snaefellsnes Halbinsel in Island

Kirkjuvell mountain and waterfall on the Snaefellsnes Peninsula in Iceland

Jeder, der schon mal in Island war weiss, dass das Wetter da oft schrecklich, meistens kalt und immer extrem windig ist. Nach einer langen Fahrt von Reykjavik rund um die Snaefellsnes Halbinsel bis nach Grundarfjördur – natürlich mit vielen Fotostops dazwischen – kam ich am Kirkjufell Berg eines regnerischen und windigen Abends an. Ich kämpfte mit dem Zelt und den Windböen, versuchte den Gaskocher irgendwie zum laufen zu bringen und versagte und sass da am Ende in fünf Schichten Winterkleidung und einem mongolischen Pelzhut und wollte einfach nur noch schlafen. Ich spielte mit dem Gedanken, den Berg einfach am nächsten Morgen zu fotografieren, gab aber die Idee schnell auf, da ich vor Sonnenaufgang aufstehen noch weniger mag als Regen. Also hüpfte ich wieder ins Auto, fuhr zu der Location, verlor das Auto fast als der Parkplatz innert Minuten geflutet wurde, rannte zurück, bekam extrem nasse Füsse, parkierte das Auto woanders, hatte kalt, putzte gefühlte 1000 Mal die Regentropfen von der Linse und am Schluss ging noch fast ein Filter drauf, den ich in die Wassermassen fallen liess – aber immerhin war ich nicht gelangweilt und kehrte mit super Fotos auf der Speicherkarte zum Campingplatz zurück.

Location: Der Orchon Wasserfall in der Zentralmongolei

Orkhon Waterfall in the Orkhon Valley, Mongolia

Der Himmel in diesem Bild gibt ganz den Anschein, dass das Wetter den ganzen Tag lang wundervoll war, richtig? Falsch. Das Wetter in der Mongolei kann schnell umschlagen und nur eine halbe Stunde zuvor sass ich noch in meiner Jurte und sah, wie sich über mir ein gewaltiger Sturm zusammenbraute. Ich war immer noch etwas geschockt von einem Unwetter ein paar Tage zuvor, das sich in einen Tornado verwandelt, unsere Zelte aus den Verankerungen gerissen und eine Person in einem Dorf nur unweit von uns getötet hatte. Ich war also etwas zurückhaltend fotografieren zu gehen, vor allem da die Wanderung durch die Graslandschaft zum Orchon Wasserfall eine halbe Stunde in Anspruch nehmen würde. Im besten Fall würde ich nass werden, im schlimmsten Fall könnte es sogar gefährlich werden. Ich ignorierte aber meine Bedenken und meinen nach stundenlangen Fahrten über die schlaglöchrigen Feldwegchen der Zentralmongolei schmerzenden Hintern und machte mich mit Schirm und Regenjacke trotzdem auf den Weg. Nur wenige Minuten nachdem ich beim Wasserfall ankam, lösten sich die Wolken auf und liessen das beste Licht meiner Fotografenkarriere zurück.

Location: Longji Reisterrassen in China

Longji Rice Terraces in China

Dazhai ist ein kleines Dorf, welches sich inmitten der unglaublichen Longji Reisterrassen in der Guangxi Provinz befindet. Um da hin zu gelangen ist eine steile Wanderung von der Busstation unten im Tal bis nach oben nötig, die Aussichten sind es aber wert und die Reisterrassen sind mit Abstand eines der coolsten Dinge, die man in China sehen kann. Während der zwei Tage, die ich am Drachenrücken verbracht habe, kämpfte ich jedoch mit einer üblen Magenverstimmung und zudem war der Nebel so dicht, dass man nicht mal mehr die eigene Hand vor dem Gesicht sah. Nicht gerade ideale Bedingungen, um in der pechschwarzen Nacht aufzustehen, eine weitere halbe Stunde den Berg hoch zu wandern und den Sonnenaufgang zu fotografieren. Die meisten Leute wären da im Bett geblieben und hätten sich auskuriert, ich jedoch schleppte mich auch noch den letzten Hügel hinauf weil ich entschlossen war, trotz Krankheit mit mindestens einem guten Foto von den Longji Reisterrassen zurückzukehren. Als die Sonne über den Horizont stieg, lichtete sich der Nebel dank der Temperaturveränderung für einige Minuten und ich schaffte es, dieses Bild der glitzernden Felder und der traditionellen Yao Holzhäuser mittendrin zu schiessen. War’s den Schmerz wert? Definitiv.

Diese drei Bilder zeigen, dass ich auch wenn das Wetter schlecht ist, ich krank oder einfach nach einem langen Tag erschöpft bin, meistens doch die Kamera packe und fotografieren gehe. Ich hoffe sie motivieren auch euch, unter weniger idealen Bedingungen fotografieren zu gehen und auch wenn’s weh tut geniale Fotos zu schiessen.


5 Responses

    • Tiffany

      Vielen Dank für den lieben Kommentar Manuela. Workshops sind für nächstes Jahr geplant – abonniere doch meinen Newsletter, damit du wenn’s soweit ist gleich erfährst wo, wann und was stattfindet 🙂

      Reply
  1. Daniel

    Wirklich super schöne Aufnahmen. Da wird man neidisch. Nur mal als Laie nachgefragt: Da hast Du aber schon noch etwas nachbarbeitet oder?

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    • Tiffany

      Vielen Dank Daniel! Ja, Bildbearbeitung gehört immer fix zum Arbeitsprozess dazu. Nichts extremes natürlich, nur die paar Spots die es sich auf dem Sensor breit gemacht haben entfernen, ein klein wenig Kontrast, etwas Vibrance etc. Erstaunlicherweise sieht’s aber in der Natur tatsächlich oft genau so aus wie fotografiert 🙂

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