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Stell dir ein Durcheinander von weissen Gebäuden mit dunkelroten Akzenten und symmetrisch aufgepinselten gelben, weissen und schwarzen Punkten vor. Die Fenster sind mit knallgelben Tüchern behangen und weiss auf schwarzen Stoff gedruckte, komplizierte geometrische Symbole verzieren die Fassaden. Goldene Dächer im typisch ostasiatisch geschwungenen Stil glitzern in der Sonne. Die Bauwerke sind wie ein gut durchdachtes Gemälde perfekt aufeinander abgestimmt und die Linien und Punkte, Muster und Farben fliessen in perfekter Harmonie ineinander.

Vor dem Songzanlin Kloster, auch bekannt als Ganden Sumtseling Kloster, erstreckt sich ein kleiner See. Der See, das Zuhause einer Schar Enten, die sich faul auf dem Wasser treiben lässt, wird von dunkelgrünem Schilf und einem gewundenen Wanderweg umrahmt, welcher von den Mönchen in ihren roten Roben, wie auch von Besuchern rege für Nachmittagsspaziergänge genutzt wird. Das Songzanlin Kloster befindet sich mitten in den grün und goldenen Hügeln von Shangri-la in China’s Yunnan Provinz, ein beliebter Zwischenhalt für Tibet-Reisende und eine Region mit einem ausgeprägten Himalaya Feeling. Weit weg von der Luftverschmutzung der Ostküste sieht man hier grosse Cumulus-Wolken durch den tiefblauen Himmel ziehen. Die Luft ist klar und kühl und der gelegentliche kalte Windstoss erinnert Besucher daran, dass sie sich auf über 3000 Meter über Meer befinden.

Songzanlin Monastery

Songzanlin Monastery

Der Name Shangri-la bezieht sich auf ein Bergtal in James Hilton’s Buch “der verlorene Horizont“, ein mythisches, utopisches Paradies in den Himalayas und ein glücklicher, unbeschwerter Ort, der vom Rest der Welt isoliert ist. Tatsächlich hat das heutige Shangri-la ausser der schönen Landschaft und der gelegentlichen tibetischen Architektur nur noch wenig mit Hilton’s erdichtetem Paradies zu tun.

Vor nicht allzu langer Zeit hiess Shangri-la nämlich noch Zhongdian und war ein ruhiges Dorf mit hauptsächlich tibetischen Einwohnern, welches kaum Besucher in diese abgelegene Region China’s zog. Im Jahr 2001 wurde Zhongdian dann in Shangri-la umbenannt, mit dem klaren Ziel, die Stadt in eine Destination für den Massentourismus zu verwandeln. Die Altstadt wurde komplett umgebaut, ein neuer Tempel wurde errichtet, zahlreiche Hotels, Restaurants und ein Flughafen eröffneten und es machte sogar das Gerücht die Runde, dass die Mönche im Kloster für Touristen angeheuerte Han-Chinesen mit einem geregelten 8 Stunden Arbeitstag waren. Shangri-la entwickelte sich schnell zu einem weiteren Spielplatz für die Millionen chinesischer Touristen, die dem Smog der überfüllten Grossstädte Richtung klarere Luft im Westen entfliehen wollten. Bis oben vollgestopft mit billigen, geschmacklosen Giftshops, gefälschter Outdoor-Ausrüstung und inszenierter Kultur blieb schlussendlich nach dem Umbau trotz der allgegenwärtigen Gebetsflaggen nur noch wenig vom ehemalig authentisch tibetischen Dorf übrig.

Tibetan prayer flags in Shangri-la

Für alle, die kulturelle Vielfalt zelebrieren und erhalten möchten ist es traurig zu sehen, was in Regionen wie Shangri-la passiert. Diese Entwicklungen sind nicht gerade neu, aber der Kommerzialismus gepaart mit der jüngsten chinesischen Siedlungsentwicklung sind inzwischen einfach nur noch abscheulich.  Nicht nur werden praktisch über Nacht neue Städte aus dem Boden gestampft, zusammengesetzt aus Reihen über Reihen identisch aussehender, seelenloser Wohnblöcke, die in der wunderschönen Himalaya-Landschaft völlig fehl am Platz erscheinen, sondern was dann noch von der traditionellen Architektur und der Minderheitskultur übrig bleibt, wird in ein Disneyland für chinesische Touristen verwandelt.  Ehemals kleine, ruhige Dörfer wie Dali, Lijang und später Shangri-la werden unter den Massentourismus-Zug geworfen, der so extrem ist, dass die wenigen westlichen Touristen es nicht mehr aushalten und inzwischen lieber woanders hin reisen.

Die Veränderungen hören jedoch nicht beim Massentourismus auf. Wie überall in China’s abgelegenen Minderheitsregionen hat es sich die Regierung zum Ziel gesetzt, so viele Han-Chinesen wie möglich dort anzusiedeln und so zur klaren Mehrheit zu werden. Diese Entwicklung ist für alle sichtbar, die sich in die Grenzregionen begeben und ich habe das selbe nicht nur in der Yunnan Provinz mit den Tibetern gesehen, sondern auch in der Gansu Provinz mit den Uiguren und in der Inneren Mongolei mit der mongolischen Minderheit beobachtet. Diese abgelegenen Regionen sollen nicht nur China’s wachsenden Bevölkerungsüberschuss in den Ballungszentren auffangen, sondern die riesigen Umsiedelungsprojekte haben auch die wirtschaftliche Entwicklung, die Verringerung der kulturellen Unterschiede und eine bessere Kontrolle über die Grenzregionen zum Ziel. Anwohner werden sogar zur Umsiedelung aus historischen Städten ins Umland gezwungen, um Platz für Tourismusinfrastruktur wie Restaurants oder Hotels zu schaffen. Es ist im Grunde Zwangsassimilation und jegliche Kultur, die dem chinesischen Wunsch nach Disneyland-Tourismus nicht dient wird unterdrückt. Es ist, wie es der Dalai Lama mal treffend benannt hat, “kultureller Völkermord”.

Burned down old town of Shangri-la

Shangri-la war also auf dem besten Weg, ein zweites Lijang  und die neue Touristendestination in der Region zu werden . Doch dann passierte etwas. Der Tourismus in Shangri-la wurde über Nacht praktisch auf null reduziert, als im Januar 2014 drei viertel der Altstadt in einem riesigen Feuer vernichtet wurden. Das Inferno zerstörte über 250 tibetische Häuser, einige von ihnen über 600 Jahre alt. Und es scheint, dass chinesische Touristen ohne die kitschigen Souvenirläden, die geschmacklosen Mitbringseln und die gefälschten Northface Jacken der niedergebrannten Altstadt keinen anderen Grund für einen Besuch finden können. Als ich Shangri-la im Juni für fünf Tage besuchte, war die Stadt abgesehen von den Einheimischen praktisch komplett verlassen. Ich erlebte meine erste Atempause vom allgegenwärtigen chinesischen Massentourismus und konnte das Kloster, was von der Altstadt übrig bleibt, die Landschaft und Tempel in Ruhe geniessen.

Mein Rat ist, jetzt noch nach Shangri-la zu reisen, bevor sich die Entwicklung der Stadt wieder wie vor dem Brand fortsetzt. Und weil Shangri-la, unechte tibetische Touristenattraktion oder nicht, schlussendlich immer noch ein wunderschöner Ort ist, wie immer, hier die besten Fotos:

Inside the Songzanlin Monastery in Shangri-la

Inside the Songzanlin Monastery in Shangri-la

Lake and bridge at the Songzhanlin Monastery

Old Chinese man in Shangri-la

What is left of the Shangri-la old town

Temple at night in Shangri-la

Old Tibetan Lady in Shangri-la

Little Chinese girl in Shangri-la

Temple in Shangri-la

Über den Autor

Tiffany is a Swiss travel writer, digital nomad, and photographer, who, after a fateful journey through Africa, has decided to get her passport renewed, sell all her junk, and live out of a suitcase in various corners of the world, as well as share the experiences with other travel enthusiasts. This blog is intended to inspire you to pack your bags, leave everything behind for a while, and make you go discover the world. Check her out on .