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“Mit welcher Kamera fotografierst du?”

Tönt harmlos. Es ist eine Frage, wie sie mir in einigen Variationen so fast täglich gestellt wird.

Versteh das jetzt nicht falsch, aber die Frage ist oft unnötig und kann sogar etwas verletzend sein. Ich weiss, viele Leute sind einfach nur neugierig, wollen einen Vergleich oder möchten einen Tipp, welche Kamera sie selber kaufen sollen. Ich weiss die riesengrosse Mehrzahl meint es nur gut und ich beantworte auch immer gerne Fragen. Ich tausche mich auch total gerne mit Fotografen oder denen, die es noch werden möchten über das Equipment aus.

Aber, und hier kommt das grosse aber, beim Betrachten meiner Fotos zu sagen, dass ich bestimmt eine exzellente und teure Kamera habe wird nicht gerade als Kompliment an den Fotografen aufgefasst.

Two women clapping at a festival in Al Hamra, Oman.

Lass mich eine Gegenfrage stellen: Du hast gerade in einem unglaublich tollen Restaurant zu Abend gegessen. Mit Dill besprenkelter Lachs, zur äussersten Perfektion gebraten, aussen krustig und innen zart und saftig. Dazu ein himmlisches Gratin. Würdest du, statt deine Komplimente an den Koch zu senden, in die Küche platzen und ihm zu seinem Kochherd gratulieren?

Natürlich nicht. Aber intelligente Menschen die niemals die Kunst Salvador Dalis seinen Pinseln, Mark Twains Geschichten seiner Schreibmaschine oder ein gutes Gericht dem Kochherd zuschreiben würden, scheinen zu denken, dass eine Kamera in der Lage ist selber in einer schweisstreibenden Wanderung einen Berg zu erklimmen, die perfekte Bildkomposition zu finden, das Licht einzuschätzen, die richtigen Einstellungen zu wählen und wahrscheinlich auch noch die Nachbearbeitung zu übernehmen. Damit einher geht natürlich die Vorstellung, dass man um diese tollen Aufnahmen zu schaffen lediglich eine super-mega-tolle und möglichst teure Kamera braucht.

Genauso wie gute Köche wohl auch mit einer primitiven Neandertaler-Feuerstelle geniale Gerichte zaubern können, können auch gute Fotografen mit suboptimaler Ausrüstung tolle Fotos schiessen.

Du glaubst mir nicht?

Wir alle kennen den Meister der Fotografie, Ansel Adams, der aufgrund seiner unglaublichen Landschaftsbilder, die er in den 1940ern in Schwarz-Weiss aufgenommen hat, noch heute als einer der besten Fotografen überhaupt betrachtet wird. Trotz all der Fortschritte der digitalen Fotografie, die von merklichen Verbesserungen der Schärfe und des Dynamikbereichs bis zur markanten Verringerung der Körnigkeit reichen, haben Fotografen heute noch Mühe es ihm gleich zu tun. Obwohl Fotografen sogar unter ähnlichen Lichtbedingungen an die gleichen Orte angereist sind, ist es noch niemandem gelungen, diese fesselnden Bilder, die Ansel Adams vor über 80 Jahren mit einer schwerfälligen Grossformatkamera aufgenommen hat, zu reproduzieren.

Schau dir die unglaublichen Fotos des Fotojournalisten David Burnett an, die dieser mit einer Holga, einer groben chinesischen Spielzeugkamera im Wert von ca. 15$, aufgenommen hat.

Lies einen Artikel der preisgekrönten chinesischen Modefotografin Zhang Jingna, die davon berichtet, dass sie viele ihrer berühmten Fotos mit einer alten Canon 350D und einem Kit-Objektiv geschaffen hat.

Oder schau dir die kreativen und inspirierenden Fotos von iPhone-Fotografen auf der iPhone Photography Awards Website an.

Professionelle Fotografen werden regelmässig dazu herausgefordert mit Billigstkameras Fotos zu schiessen und erstaunen das Publikum immer wieder mit den Resultaten. Zum Beispiel Zack Arias hier auf DigitalREV:

Eine neue, teurere Kamera wird nicht wie durch ein Wunder grossartige Fotos zaubern.

Gleichermassen brauchst du auch keine High-End Kamera um selber geniale Fotos zu schaffen.

Ich weiss aus eigener Erfahrung wie einfach es ist in diese geistige Falle zu geraten wo man sich denkt “wenn ich mir nur eine bessere Kamera leisten könnte, dann wären meine Fotos sicherlich viel besser” oder “hätte ich Objektiv X könnte ich damit Y machen”. Es wird stetig neues und besseres Equipment herausgegeben und es wird immer Kameras und Objektive geben, die wir uns wünschen. Es schadet auch nicht sich das eine oder andere auf die Wunschliste zu schreiben, sich etwas zu leisten wenn man das Geld dazu hat oder sich auch mal ein Spielzeug zu kaufen, welches man nicht unbedingt braucht. Schlussendlich sollte dich aber das Nicht-Haben eines Stücks Ausrüstung als Fotograf nicht zurückhalten. Nichts ersetzt harte Arbeit, die Entwicklung der eigenen Fähigkeiten, die Schulung des kreativen Auges, das Erlernen guter Bildkomposition und die Realisation, dass man während der korrekten Tageszeit fotografieren muss. Teures Equipment hat noch niemanden zum Meister gemacht und schlussendlich ist es deine Kreativität und persönliche Vorstellungskraft, die deine Fotografie aufs nächste Level heben werden.

Moraine Lake in Banff National Park, Canada shortly after sunrise. Camera gear doesn't matter if you want to take great photos.

Aber, könnte man jetzt fragen, wenn die Ausrüstung kaum eine Rolle spielt, warum haben dann so viele professionellen Fotografen die absoluten Topmodelle? Die Antwort ist einfach Bequemlichkeit und oft eine fokussierte Spezialisierung auf eine Fotografierichtung. Gute Kameras und Objektive machen dem Fotografen das Leben einfach viel einfacher. Hat man eine ältere Kamera oder ein Einsteigermodell, muss man härter Arbeiten, um das gleiche Foto zu schaffen.

Professionelle Fotografen brauchen ihre Ausrüstung ausserdem tagtäglich, da will man natürlich nicht nur Komfort und Schnelligkeit, sondern auch ein Kameramodell, welches dem vielen Gebrauch standhält. Ich zum Beispiel schleppe meine Kamera Jahr ein, Jahr aus um die Welt und suche daher etwas, das wetterfest und wie ein Panzer gebaut ist. Zusätzliche Features wie mehr Fokuspunkte, mehr Tasten für eine bessere Kontrolle und schnellere Zugriffe helfen natürlich auch.

Ich sage nicht, dass die Fotoausrüstung überhaupt keine Rolle spielt, aber sie ist nicht so wichtig, wie man sich vielleicht denkt. Die wenigen Einschränkungen oder Probleme auf die man stösst, kann man mit etwas innovativem Denken und kurzem Überlegen meist lösen. Das Equipment fängt dann an eine Rolle zu spielen, wenn man ein gewisses Level an Kompetenz erreicht hat und/oder sich auf eine bestimmte Richtung der Fotografie spezialisieren möchte. Dann will man sich vielleicht Ausrüstung suchen, die genau auf die eigenen Bedürfnisse zugeschnitten ist.

Fakt ist jedoch, dass professionelle Kameras das Leben zwar etwas einfacher machen, aber nicht automatisch diese unglaublichen Fotos produzieren, die man sich erhofft hat. Dahinter steckt immer noch das Talent des Fotografen. Die Kamera ist nur ein Werkzeug um das zu erfassen, was das menschliche Auge zunächst erkennen muss.

Black and white photo of the Hallgrimskirkja in Reykjavik, Iceland. Proof that camera equipment doesn't matter.

Welche Kamera verwende ich also?

Bis heute fotografiere ich mit einer Canon 700D, einem Einsteigermodell. Denn ich gehöre nicht zu den Superreichen und Geld wächst leider auch nicht auf den Bäumen. Ich weiss, dass ich mit der 700D tolle Fotos schaffen kann und habe mich daher gegen ein teureres Modell entschieden. Ich habe mir stattdessen einige Objektive gekauft, die ich absolut liebe und obwohl ich ab und zu mit der Kamera selber frustriert war, habe ich immer versucht mit den Problemen umzugehen und ihnen kreativ auszuweichen. Mit einem Einsteigermodell habe ich also all die Landschaften, Menschen und Tiere fotografiert, die abertausende von Leuten bewundert haben. Jetzt gibt die gute alte Kamera aber langsam den Geist auf und ich habe zusammengespart, um mir in näherer Zukunft ein Upgrade leisten zu können. Die Realisation, dass ich die 700D, die mir so viel beigebracht hat bald ersetzen muss, hat dann auch teilweise diesen Artikel inspiriert.

Ansel Adams sagte einst: “The single most important component of a camera is the twelve inches behind it”  frei übersetzt also in etwa, die wichtigste Komponente einer Kamera ist der Mensch dahinter.

Mach Ansel stolz, nimm die Zeit, die du früher damit verschwendet hast dir über deine Ausrüstung Sorgen zu machen und investiere sie stattdessen ins Fotografieren. Nimm die Kamera die du hast, geh raus und mach Fotos jeden Tag. Lerne zu sehen und ich meine wirklich zu sehen und hör auf dir einzureden, dass du eine bessere Kamera brauchst um dich selber zu verbessern.




Über den Autor

Tiffany is a Swiss travel writer, digital nomad, and photographer, who, after a fateful journey through Africa, has decided to get her passport renewed, sell all her junk, and live out of a suitcase in various corners of the world, as well as share the experiences with other travel enthusiasts. This blog is intended to inspire you to pack your bags, leave everything behind for a while, and make you go discover the world. Check her out on .

13 Responses

  1. Julika

    Ja, ja, ja zu allem! Ich fotografiere immer noch mit einer richtigen “Baby-Kamera”, aber wenn ich meine Entwicklung der letzten Jahre anschaue, bin ich immer wieder erstaunt: Ich habe mein Equipment eigentlich nicht verändert, aber ich habe die Kamera besser verstehen gelernt, unglaublich viel geübt und die Arbeiten von Profi-Fotografen studiert. Klar, liebäugele ich auch für die Zukunft mit einem wassergeschützten Body und den besseren Festbrennweiten, aber für’s erste weiß ich, dass es auch ohne geht! Toller Post!
    Julika recently posted…How to Plan a Girls Getaway in EuropeMy Profile

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    • Tiffany

      Danke für den lieben Kommentar Julika! Du machst das total richtig, ich wünschte mehr Leute hätten solch eine positive Einstellung wie du 🙂 weiter so und ich freue mich darauf noch mehr tolle Fotos von dir zu sehen!

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  2. Anita

    Guter Artikel, den ich so unterschreiben kann 🙂 Zugegebenermassen haben wir letzten Frühling zwar in eine neue Kamera investiert (vorher hatten wir eine Canon 600D, die gab aber leider den Geist auf). Trotzdem fotografiere ich auch oft noch mit meiner “Baby-Kamera” einer Sony RX100 – einfach weil sie so schön handlich ist. Die Ausrüstung ist das eine, aber gerade beim Fotografieren hilft Kreativität extrem und die wird gerade bei Kameras mit Schwächen gefördert 🙂
    Anita recently posted…Ein Hoch auf den NovemberMy Profile

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  3. Jürgen

    Hi Tiffany,

    Dein Artikel ist Balsam für meine Seele. Ich beschäftige mich gerade näher mit dem Thema Fotografie und habe schon einige gute, lehrreiche Artikel in der letzten Zeit gelesen. Da kommt natürlich auch der Wunsch nach einer besseren Kamera auf (ich fotografieren mit einer Bridge-Kamera). Aber das ist momentan einfach nicht drin.

    Dein Artikel motiviert mich, erst einmal mit meiner Bridge weiter fotografieren zu lernen (Bildkomposition etc.) und wenn die Zeit reif ist, werde ich auch wissen, was für eine Kamera die richtige für mich ist.

    Liebe Grüße aus Andalusien,

    Jürgen
    Jürgen recently posted…Zu Fuß von Nerja bis ManilvaMy Profile

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    • Tiffany

      Lieber Jürgen, ich freue mich natürlich, dass ich dir da weiterhelfen und dich etwas motivieren und inspirieren konnte! Wenn du darauf achtest immer während der richtigen Tageszeit zu fotografieren und fleissig an der Bildkomposition arbeitest, wirst du schnell unglaubliche Fortschritte machen. Eine bessere Kamera wird dann einfach nur noch das klitzekleine Tüpfelchen auf dem i sein 🙂 viel Spass beim fotografieren!

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  4. Christian

    Hallo Tiffany,

    sehr interessant geschriebener Artikel und du hast völlig recht, der Fotograf macht’s aus, nicht die Kamera! Aber und jetzt kommt ein kleines Aber … durch die Fotografie mit Vollformat und entsprechendem Glas werden Fotos möglich, die mit “Billigequipment” nicht zu erreichen wären. Gerade wenn es jetzt im Winter um Nordlichtfotografie geht, ist Vollformat und ein lichtstarkes Weitwinkelobjektiv unersetzlich.

    Liebe Grüße
    Christian
    Christian recently posted…Nächster Stopp: PraslinMy Profile

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    • Tiffany

      Du hast Recht Christian, so eine Vollformatkamera ist ein prächtiges Ding. Ich finds bloss lustig wie so einige Fotografen heute mit ihren top Kameras anschlurfen aber trotzdem natürlich nicht das gleiche Resultat hinkriegen wie Ansel damals, der nicht nur die gute Kamera, sondern eben auch eine ganze Menge Talent dabei hatte.

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  5. Wolfgang

    Hi Tiffany,

    ein sehr guter Artikel, verständlich und nachvollziehbar geschrieben! Der Anteil professioneller Technik an einem guten Foto kann vielleicht 30 % betragen, aber auch nur, wenn man in der Lage ist, die Vorteile, die professionelle Technik bieten kann, auszunutzen.

    Von daher kann ich jedem Amateur nur raten, eher Zeit und Geld in den Ausbau seiner fotografischen Kenntnisse als in die Technik zu stecken. Der Nutzen wird um ein Vielfaches höher sein.

    Und wenn man technisch aufrüsten will, dann bitte in gute Objektive investieren! Ein 2.000 €-Objektiv wird auch noch am 500 €-Body aus 2010 technisch bessere Ergebnisse bringen als die Kitlinse am neuesten Body aus 2014 für 1.000 €.

    Allzeit Gut Licht, Wolfgang
    Wolfgang recently posted…Venedig in StorehouseMy Profile

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    • Tiffany

      Ja, ja und nochmals ja zu allem was du da erwähnst! Lieber in gutes Glas investieren, welches bei sorgfältigem Umgang ein Leben lang hält als sich mit zu teurer Kamera und Kit-Linse rumzuquälen.

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  6. Erwin

    Deinen Artikel habe ich ihn mir aufgesaugt, besitze eine Canon 400D, war meine Traumkamera, sie wurde mir früher in einem Fotoclub wärmstens empfohlen, mir als Allroundkamera die Panasonic DMC-TZ5 zugelegt und sie macht tolle Aufnahmen und die Canon blieb meistens zuhause. Deine sehr informative Seite überzeugt mich das der Fotograf die guten Bilder macht und nicht die Kamera. In einem Werbefilm auf einer Messe sah ich einen Film mit Superzeitlupe, die Kamera eine Panasonic Lumix FZ200, die ich mir sofort kaufte, alle guten Dinge sind drei. Mir ist bekannt das ich von deinem Artikel abweiche, deine Zeilen bestätigen meine Erfahrung als Hobbyfotograf zuerst seine Kamera täglich testen, der Spaßfaktor zählt, meine Canon verwende ich sehr selten.

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    • Tiffany

      Schön deine Erfahrungen zu hören Erwin und vielen Dank für den Kommentar. Schlussendlich arbeitet jeder Fotograf unterschiedlich und lebt sich auch kreativ auf eine sehr individuelle Weise aus. Ich bin daher immer vorsichtig mit Kameraempfehlungen (was mir gefällt geht für andere gar nicht und umgekehrt) und am besten schaut man wie du was einem am ehesten entspricht. Weiterhin viel Spass mit der Panasonic!

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  7. Stefan

    Hallo Tiffany,
    super Artikel, ich finde, dass ich mit meiner 600D bestens ausgestattet bin, trotzdem kann ich mich nicht von dem Gedanken freimachen, was ich alles mit Vollformat erreichen könnte 🙂 Aber ich predige auch auf meiner Fotowebseite, http://www.backpacken.de dass die Technik und das Auge viel wichtiger sind. Weiterhin viele tolle Fotos.

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    • Tiffany

      Na da sind wir uns einig und ich liebe deine Fotos, die du mit der 600D aufgenommen hast. Du hast ein wirklich tolles Auge für Komposition und interessante Menschen.

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