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Einsteigen bitte!

Während ich in der Union Station in Toronto auf den VIA Rail Zug warte merke ich, dass ich da irgendwie nicht so recht in die Masse von grau melierten Haaren reinpasse. Ein Grossteil der Passagiere sind Renter, die diese Reise gebucht haben, um die tolle Gesellschaft zu geniessen, sich durch mehrgängige Gourmet Menüs zu futtern und dabei geduldig die Welt am Zugfenster vorbei ziehen zu sehen. Ältere Päärchen schlürfen Champagner und lachen zusammen, während sie Laura die Service Managering über Boarding, Essenszeiten und die verschiedenen Ziwschenstopps ausfragen.

Und dann gibt es da noch mich.

Ich bin verzweifelt dabei in die Tasten zu hauen, um noch so viel wie möglich aus den mir verbleibenden Internetminuten herauszuholen. Gleichzeitig frage ich mich, wie ich denn den Zugkoller überleben und mich während der drei Tage im Zug mit nichts weiter als schönen Aussichten und Brettspielen irgendwie sinnvoll beschäftigen würde.

Obwohl die VIA Rail Tarife zugegebenermassen nicht die billigsten sind, ist doch die jüngere Generation in der Wartehalle merklich abwesend. Ich vermute, dass der Grund nur teilweise bei den Kosten zu finden ist, und sich Reisende in meinem Alter, wie ich, nur zögernd tagelang von Handyempfang und Unterhaltung trennen.

A passenger crossing Canada with VIA Rail on the Canadian takes photos of the fall colours and the landscape.

VIA Rail train in Winnipeg

Die schönste Bahnreise der Welt

Nachdem ich schon in Asien und Europa länger mit dem Zug unterwegs war, habe ich nun beschlossen, mich auf eine der schönsten Bahnreisen der Welt zu begeben: der Durchquerung von Kanada an Bord der rustikalen Edelstahlwagen des Canadian. Der Zug und die Reise die er macht sind weltbekannt und wenn es einen Trip gibt, der die schiere Vielfalt und Grösse von Kanada in ihrer Gänze zeigt, ist es dieser hier. Wer mit VIA Rail reist, betrachtet den Weg als Ziel und Zugfans buchen hier nicht nur, um die Weiten des zweitgrössten Landes der Welt hautnah zu erleben, sondern auch um anonymen Flughäfen, dem Sardinendosen-Gefühl und lauwarmem Mahlzeiten in Alufolie zu entfliehen. Der Canadian durchquert die dichten Espenwälder des Kanadischen Schilds, die endlosen und flachen Prärien in Saskatchewan, Manitoba und Alberta in luxuriösem Komfort und erreicht schliesslich ratternd und scheppernd die hohen grauen Gipfel der Rocky Mountains. Zuletzt macht sich der Zug auf den Weg durch British Columbia bis nach Vancouver an die Küste, immer mit top Service und mehrgängigen Mahlzeiten, versteht sich.

Ich werde jedoch bevor der Zug die Berge erreicht bereits in Edmonton aussteigen, aber die dreitägige Reise gibt trotzdem einen guten Einblick in die Durchquerung von Kanada per Zug.

Als es Zeit ist einzusteigen, hilft das freundliche Personal mir dabei in der Masse der gleich aussehenden Wagons die richtige Kabine zu finden und nachdem ich meinen schweren Kamerarucksack verstaut habe, begebe ich mich sogleich auf einen explorativen Spaziergang durch den Zug. Ich sehe komfortable Schlafkabinen, Restaurantwagen, Küchenwagen, Wagen mit umklappbaren Sitzen für die Budget-Reisenden und komme schliesslich, als wir Toronto langsam verlassen, in einem der Panoramawagen an. Während die Lichter der Stadt und des CN Tower langsam in der Ferne verschwinden, schnappe ich mir wie die anderen Fahrgäste auch ein Glas Champagner vom Tablett. Wir stossen an und lachen, als uns auch sogleich der beissende Duft eines Stinktiers in die Nase steigt. Gemeinsam wetten wir, wie häufig das zwischen Toronto und dem Ziel unserer Reise noch passieren würde.

Fall colours in the Canadian Shield as seen from the VIA Rail train ride across Canada

Passengers on the VIA Rail enjoying the train ride across Canada in the end panorama car.

Schliesslich wandere ich zurück zu meiner Kabine und freue mich über die kleine Schokolade, die in der Zwischenzeit auf meinem Kissen platziert worden ist. Ich probiere sämtliche Wasserhähne, Lichtschalter und den Ventilator aus und inspiziere noch den angeschlossenen Toilettenbereich. Eigenartig, wie komfortabel und gemütlich die kleine VIA Rail Unterkunft trotz der engen Verhältnisse ist und mit dem Klappern und Quietschen des Metalls im Hintergrund schlafe ich schon bald ein.

Als ich aufwache ist bereits wieder Morgen und ich sehe ein Gewirr aus Ästen und Blättern am Fenster vorbeiziehen. Die Herbstfarben erstrahlen in ihrer vollen Pracht und orange Espen wechseln sich mit tiefroten Ahornbäumen und gelben Lerchen ab. Im Hintergrund geht die Sonne auf und ab und zu taucht ein malerischer See mit kleinen Blockhütten am Ufer zwischen den sanften Hügeln auf. Dörfer mit Schotterstrassen und Brennholz vor den Haustüren flitzen manchmal auch vorbei, sind jedoch in dieser Wildnis eher selten zu sehen. Mein Reisepartner Brendan kennt sich mit Geografie bestens aus und informiert mich, dass der Kanadische Schild ein Gebiet mit einer aufregenden geologischen Geschichte ist. Wegen des resultierenden steinigen Bodens ist die Gegend daher dünn besiedelt, wird aber vom Bergbau rege genutzt.

Der Canadian: ein sozialer Zug

Wir machen uns auf den Weg zum Frühstück und werden zusammen mit einer Frau in den Sechzigern am selben Tisch platziert. Dies ist ein weiterer Bonus der Reise mit dem Canadian: man wird während den Mahlzeiten mit anderen Passagieren zusammengeworfen und praktisch zum Sozialisieren gezwungen. Nach dem gegenseitigen Vorstellen wendete sich die Konversation denjenigen Fragen zu, die im Canadian immer zuerst gestellt werden: Wo kommen Sie her? Und wohin geht’s? Während wir uns über riesige Portionen an Eiern, Speck, Obst und Joghurt hermachen erfahren wir, dass sie aus Ottawa stammt und mit dem Zug nach Vancouver unterwegs ist, um dort ihre Tochter zu besuchen. Da sie noch nie die Rocky Mountains gesehen hat, will sie in Jasper für ein paar Tage aussteigen und wandern gehen. Brendan, der während seiner Uni-Jahre dort als Tourguide seine Brötchen verdient hat, gibt Tipps, was es zu sehen und zu unternehmen gibt.

Meal aboard the VIA Rail train across Canada - passengers have a choice between four dishes.

Am Mittag treffen wir beim Essen eine pensionierte Universitätsprofessorin, die sich mit VIA Rail und Amtrak auf einer komplett-Umrundung von Nordamerika befindet und spielen anschliessend eine Runde Scrabble mit einem Herrn, der uns begeistert über seine Modelleisenbahnen erzählt. Dieser ist ganz aus dem Häuschen darüber, dass wir genau in dem Panoramawagen unterwegs sind, den er auch zu Hause als Modell hat.

Züge sind die grosse Leidenschaft vieler Passagiere, die mit dem Canadian unterwegs sind und deren Begeisterung ist ansteckend. Viele von ihnen unternehmen die Reise quer durch Kanada nicht zum ersten Mal und langsam verstehe ich auch wieso.

Manchmal hält der Zug für einige Minuten und wir dürfen unter den wachsamen Augen der Zugbegleiter, die sicherstellen, dass sich niemand zu weit vom angrenzenden Kies- oder Betonstreifen entfernt, kurz aussteigen. Das Personal muss sich jedoch keine Sorgen machen, denn die meisten Passagiere sind froh darüber, schon bald wieder in die Wärme des Zuges und zum freundlichen Service zurückkehren zu können. Nur in Winnipeg, wo der Zug ganze drei Stunden stehen bleibt, dürfen wir etwas länger auf Entdeckungstour gehen. Ich suche und finde meinen Internet-Fix im nächsten Starbucks, merke aber, dass ich das ständige Online-sein irgendwie gar nicht vermisst habe und entscheide mich stattdessen, Winnipeg zu Fuss entdecken zu gehen. Schlotternd und mit einer Speicherkarte voller Fotos, die in Schwarz-Weiss ganz toll aussehen werden, kehre ich zum langsamen Tempo und zum Komfort des Zuges zurück.

Passengers at dinner on the VIA Rail train

Entertainment car with board games on the VIA Rail train across Canada

Zwar gibt es dort kein Internet, nicht viel Unterhaltung und nur gutes Essen und Aussichten auf spektakuläre Landschaften, aber ich fühle mich die ganzen drei Tage im Zug keine Minute gelangweilt. Statt dass ich mich in meinem kleinen Abteil gefangen fühle, bin ich befreit vom Druck ständig erreichbar und produktiv zu sein. Die persönlichen Gespräche mit den anderen Reisenden, über ihre Pläne, wo sie als nächstes hinzugehen hoffen und wo sie herkommen sind erfrischend.

Kann ich die Durchquerung von Kanada per Zug also jedem, egal wie jung oder alt, empfehlen? Die Antwort ist ein klares ja. Trenne dich für ein paar Tage von der schnelllebigen Welt, geniesse die VIA Rail Fahrt durch atemberaubende Landschaften und spiele mal wieder ne Runde Scrabble.




Über den Autor

Tiffany is a Swiss travel writer, digital nomad, and photographer, who, after a fateful journey through Africa, has decided to get her passport renewed, sell all her junk, and live out of a suitcase in various corners of the world, as well as share the experiences with other travel enthusiasts. This blog is intended to inspire you to pack your bags, leave everything behind for a while, and make you go discover the world. Check her out on .

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